"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 01

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Schon bei ihrem Namen hätte ich stutzig werden sollen: Selma Notfink – ein erfundener Name, eine Falle, natürlich. Im ersten Akt: Auftritt Thoran vom Lichte, eine lächerliche Gestalt von Majordomus, zu meinem Leidwesen mit großem Einfluss ausgestattet und in der Lage, eine Intrige von höchster Stelle durchzuführen. Für die Planung derselben mangelt es ihm ohne Frage an Verstand, so muss sich ein anderer, schlauerer Geist, dem meinen nicht unähnlich, für meine Anklage verantworten und seine Ränke im Verborgenen schmieden. Spitzelei. Niemals würde ich dafür eingekerkert, zu gut hat Awanda mich ausgebildet, als dass ich bei meinen Aktivitäten ertappt würde. So bin ich überzeugt, alles Geschehene folgt einem heimtückischen Plan, um etwas vor meinem Blick zu verbergen. Und auch vor dem scharfen Auge Orasilas‘, dem ein Kindsmord angehängt wurde. Niemand bei Verstand würde glauben, dass ein Lamm wie er zu einer solchen Tat fähig wäre, zumal er mit Königin Yolande II. persönlich bekannt ist. Doch hat sie ihn nicht in Schutz genommen – oder sie hat bis jetzt keine Kenntnis von seinem Schicksal.

Zehn Tage, nachdem ich bei Sonnenaufgang in Selmas Schlafgemach aufgegriffen wurde – ich habe weit aufregendere Nächte als mit dieser offenkundig bezahlten Kurtisane dritten Ranges verbracht – wurde mein geweihter Rondrafreund mit einem streng riechenden Menschen hereingebracht und, wie ich, an die Wand gekettet. Eine unwürdige Unterbringung für Orasilas und mich, über den anderen Häftling muss ich mir meine Meinung noch bilden. Doch wer einen Namen trägt, fast wie ein Gaukler und Schelm, bei dem lasse ich lieber Vorsicht walten. Arlekin… bisher hat er sich mit nichts hervorgetan, außer einer spöttischen Zunge und verschlagenem Blick.

Heute war der Tag unserer aller Henkersmahlzeit, und unser aller Versuche, einen Ausbruch in letzter Sekunde zu wagen, scheiterten. Zugegeben, schon mein Gedanke war aus der Verzweiflung geboren – die Wache mit bloßen Händen zu überwältigen – für was hielt ich mich, einen Ringer? Orasilas rief seine geliebte Rondra an, bei der er wohl in Missgunst steht, denn sie erhörte ihn nicht. Was der Fremde tat, vermag ich nicht zu sagen. Er murmelte etwas – entweder führt er Selbstgespräche oder er hat magische Fähigkeiten. Ich erlebte einst einen Elfen einen Freundschaftszauber wirken und dieser Bannbaladin fließt den Elfen im Blut. Ich schätze auch ich habe einen feinen Sinn für diese Schwingung, auch wenn dieser Gaukler allem Anschein nach nicht sehr geübt ist. Mein Eindruck mag mich auch täuschen.

Mit bestem Ausblick auf den Nostrischen Hof, schon den viel zu engen Strick um den Hals und in minderwertigste Sträflingskleidung gehüllt, von der ich hier nicht weiter sprechen werde, unternahm ich einen letzten, wackeren Versuch, das Volk auf meine Seite zu ziehen und bekam zum Dank eines meiner eigenen Bücher an den Kopf geworfen. Wahrhaft, Moral und Anstand dieses Landes ist dem Abstieg anheim gefallen, dies sei hier vermerkt!

Rondra erdachte sich einen ungewöhnlichen Schabernack, um ihrem Jünger die Aussichtslosigkeit seiner Lage unter die Nase zu reiben, oder vielmehr in den Nacken. Sie entflammte den Strick um seinen Hals, auf dass er einen Moment der Hoffnung erlebe, doch der Henker erstickte die Glut schneller als zur Flucht nötig gewesen wäre. Wohin hätte Orasilas auch flüchten sollen? Wir waren umringt von Menschenmassen.

Arlekin, der Fremde, verlor im Angesicht des Todes den Verstand und schrie ein Wort oder einen Namen hinaus in die Welt, bevor er die Augen verdrehte und in seine Schlinge sackte. Heldenmut sieht anders aus und so glaube ich, er ist nichts weiter, als ein Landstreicher, der vielleicht zu recht des Mordes bezichtigt wurde.

War dem sicheren Tode schon nah, wurden wir auf wundersame Weise alle deus ex machina gerettet. Ein ungeheures Beben erschütterte, wie auf einen göttlichen Fingerzeig, ganz Nostria und machte die Stadt dem Erdboden gleich. Beinahe zumindest. Ich ahne, dass den Feenwesen mein frühes Ende missfiel und vielleicht Dathuil selbst eine magische Intervention zu meiner Rettung aussprach. Anders kann ich mir nicht erklären, wie ein ganzer Stadtteil in der Luft zu schweben vermag. Es war keinem von uns möglich, dem widernatürlichen Schauspiel zu folgen, denn als unter dem Beben der Galgenbaum über uns zusammenbrach, blieb keine Zeit zum Staunen. Mit einer flinken Bewegung riss ich mir den Strick vom Hals und sprang meinen beiden Leidensgenossen zur Seite. Orasilas tat sich unerwartet schwer, den Henker in die Schranken zu verweisen – ohne Rondrakamm scheint er nur ein halb so guter Kämpfer. Mit einem geschickten Tritt schickte ich seinen vermummten Gegner zu Boden, der nicht wagte, sich erneut zu erheben.

Arlekin hatte sich mit einiger Mühe selbst befreit und floh blindlings durch das Gemenge, die Rettung seiner eigenen Haut als oberstes Gebot. Ich tat es ihm gleich, nachdem ich mich vergewissert hatte, das dem vierten Angeklagten, der mit uns am Galgen baumelte, nicht mehr zu helfen war. Er hatte bereits das Zeitliche gesegnet. So packte ich den Rondrageweihten und zog ihn mit mir ins Gedränge, doch das war der Augenblick, da Charyptoroth oder schlimmeres den Schlund der Erde aufriss und eine Flut aus Meer und Fluss in den Abgrund ergoss. Wir stürzten.

"Nostria erhebt sich" (farbig) / Copyright by Florian Hoffmann / Kolorierung Tanja Waack

Ich schwöre, Orasilas von Nostria zog uns aus den Fluten, beide zugleich, nur mit den Füßen im Wasser tretend, um uns alle über Wasser zu halten. Nie zuvor habe ich ihn so erlebt, der wahre Held, von dem man sich erzählt.

Als unsere Lungen vom brackigen Wasser geleert, erfassten wir das Ausmaß des Schreckens. Häuser waren mittig geteilt und wie Lawinen aus Schindeln und Bohlen in die Fluten gestürzt, dort, wo sie am Rande des Abgrunds standen. Darüber schwebte auf unerklärliche Weise eine Insula Nostria, wie von unsichtbarer Dämonenhand gehalten über der verheerten Stadt. Einen Augenblick der Ruhe und des Staunens.

Endlich hatte ich Gelegenheit, mich zu besinnen und mich erneut den Fragen zu stellen, die mich seit meiner Einkerkerung umtrieben: Wer wollte mich aus dem Weg haben? Wer einen edlen Gottgeweihten? Die tote Prinzessin bei Orasilas war ein gut geplanter Hinterhalt. Wie oft hatte ich Selma in jener Nacht tatsächlich befriedigt? Hatte sie mir ihre wilde Ekstase in Wahrheit nur vorgespielt – das war in höchsten Maße unwahrscheinlich! Und ich dachte an das unbekannte Ahnenzeichen, welches auf der Brust der Prinzessin geprangt haben sollte, gezeichnet von der unbekannten Hexe. Auch diese Geschichte interessierte mich brennend, jetzt, da ich wieder auf freiem Fuße war. Zwar war davon auszugehen, dass die Obrigkeit und der oder die unbekannten Strippenzieher die Suche nach uns wieder aufnehmen würden, wenn sie unsere Leichen nicht fanden, doch dies würde dauern. Zunächst mussten sie denken, wir seien tot, da der gesamte Galgenbaum mit uns in die Tiefe gestürzt war. Eine gute Tarnung und niemand würde bemerken, dass ich meinem unsichtbaren Gegner nachstellen würde, vielleicht sogar mit Orasilas Hilfe. Meine neuen Freunde, die Grünkappen, konnten uns womöglich dabei nützlich sein. Natürlich musste ich meine Tante Awanda informieren, dass es mir gut ging. Doch dann gnade meinem Widersacher!

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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