"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 02

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Eine kecke Wache störte mich in meiner Andacht. Schon bei unserer Ankunft hatten wir ein lautes Krachen gehört, als eben jener Simpel von der fliegenden Insel durch das Dach zu uns hereingestürzt war. Er ist ein zäher Hund. Nicht nur, dass er noch lebte, er stellte uns sogar zum Kampf. Wäre Orasilas nicht mit dem Kerl bekannt gewesen – er hört auf den Namen Pipo – ich hätte ihm Manieren gelehrt, mich nicht in meinen Gedanken zu unterbrechen.
Überraschenderweise zeigte Pipo sich einsichtig und ließ ab von einem Kampf mit den Prinzessinnenmördern und meiner Viellichkeit. Der Mord am Kind Yolandes II. scheint die Gemüter in Nostria weit mehr zu bewegen, als meine fälschliche Anklage.
Orasilas konnte der Wache sogar seinen Nostrianer, ein zweihändisches Schwert, abschwatzen, nachdem er Pipo mit einem Stärkungssegen bedacht hatte. Und ich versprach Pipo die Erwähnung in einer meiner nächsten Oden:

Krachend saust er durch die Luft,
knochen bricht und Lunge birst,
pflichtbeflissen stellt den Schuft,
den Kindermörder unter’m First.

Pipo, Wachenmann der Nostrier,
Wunden von Rondra gesegnet,
verschonest Freund‘, bewahrst dir Ehr‘,
wenn der Himmel Menschen regnet.

Geh voran und find‘ dein Glück,
nimm Frau, zeug Kind, führ Hof‘,
doch meide weit’res Ungeschick,
das ist für Äffchen doof.

Arlekin besorgte sich einen einfachen Knüppel aus den Trümmern des Gebäudes, besorgt um seine Haut. Natürlich tat ich nichts dergleichen. Stattdessen erkannte ich, dass dieses Gespann aus drei Flüchtenden einen Anführer brauchte und beschloss, den Fringlashof aufzusuchen. Ich würde für die zwei vor dem Altvater bürgen müssen, was bei Orasilas zum einen nicht schwer würde, zum anderen jedoch äußerst diffizil wegen seiner adeligen Herkunft und seiner bestehenden Verbindungen zu fast jedem Popanz in Nostria. Es würde nicht leicht werden, den Grünkappen einen Erzfeind ins Nest zu setzen, solange Orasilas ihnen nicht entgegenkommen würde. Was unseren Begleiter anging, musste ich es riskieren.
Immerhin war er nicht erneut getürmt, als Pipo uns stellte. Vielleicht steckt ein brauchbarer Kern hinter seinen düsteren Augen.

Als wir auf die Straße vor der Ruine traten, war die Stadt noch immer in hellem Aufruhr. Obgleich erkannte man uns und eilte verängstigt weiter. Die Straße war kein Ort für uns und ich wollte uns geradewegs durch eine sichere Seitengasse zum Hintereingang des Fringlashofes führen, doch sowohl Orasilas als auch Arlekin eilten blindlings über den großen Platz auf den Stein von Nosteria zu. Beider Blicke waren seltsam verklärt, als erinnerten sie sich irgendeiner Begebenheit. Dann konnte ich sie fortziehen und wir stolperten geradewegs in einen zerschmetterten Zirkuswagen.

Mit etwas Glück würde sich die Gelegenheit bieten, unsere widerwärtige Kerkerkleidung gegen schönere zu tauschen. Doch zunächst brach ich die verschlossene Türe des Wagens auf, nachdem Arlekin sich rar machte und Orasilas‘ heroischer Helferkomplex sich nach Verletzen umsehen ließ. Aus dem Karren hörte ich ein erbärmliches Jammern und Keckern, als wäre ein Tier verletzt. Ich hatte solche Laute einst im Farindelwald vernommen, als eine Fee sich den Flügel verknackst hatte. Menschen bedeuten mir nichts, doch kein Tier oder Feenwesen soll unnötig leiden.

"Äffchen" / Copyright by Tanja Waack

Es war ein Äffchen, wohl vom Zirkus. Sein Käfig war geborsten und ein Stab hatte sein Bein durchbohrt. Ich bat Orasilas, ihm zu helfen, es zu heilen, doch er hatte seinen Segen bereits an Pipo verschwendet – auf einmal wünschte ich mir, er hätte den Sturz aus dem Himmel nicht überlebt gehabt. Dennoch konnten wir den Affen befreien, wobei Orasilas grobschlächtige Kämpferhände den Kleinen gequetscht haben müssen, denn er kratzte ihm über das Gesicht und verschwand durch die offene Tür. Ein Ärgernis! Ich hätte ihn sehr gerne behalten. Vielleicht könnte er ein paar nützliche Kunststücke für mich vollführen?

Arlekin hatte von alldem nichts wissen wollen.

Der Kerl interessiert sich ausschließlich für sich

und einen Kerl, nach dem er schon am Galgen schrie – Arbon. Ich bin gespannt, was über den noch zu erfahren sein wird. Er war sogar noch vor uns in den Wagen gestürmt und hatte eine Flamme in seiner bloßen Handfläche tanzen lassen – auf meine Frage, ob er Zauberkünste beherrsche, blieb er mir die Antwort schuldig. Doch es ist bereits das zweite Mal, dass ich ihn dabei ertappe. Dies, zusammen mit seiner düsteren Aura, lässt auf nichts Gutes schließen. Ich behalte ihn im Auge und gebe weiter den Ahnungslosen Künstler.Behalte deine Freunde nahe, aber deine Feinde noch näher. Ich sehe keinen Feind in ihm, doch kann ich ihn auch nicht einordnen.

Wie er als erster in den Wagen gestürmt war, so hatte er ihn auch als erster wieder verlassen, mit einer handvoll Kleider, wie Orasilas und ich meinten. Nachdem das Äffchen entkommen und die Sicht ohne den Feuerzauber Arlekins schlecht geworden war, stöberten wir halb blind nach weiteren Gewändern und wurden fündig. Ich muss sagen, Orasilas neues Gewand macht es sowohl Arlekin als auch mir schwer, nicht ununterbrochen lautstark zu lachen. Der hohe Herr trägt ein Clownskostüm, aus dem er panisch versuchte, etwas anderes zu machen, es aber doch nur zerfetzte. Er konnte sich aussuchen, wodurch er Aufsehen erregen wollte: Seinem gestählten, nackten Oberkörper oder den bunten Clownspuscheln. Ich hingegen trug wenigstens bunte, bessere Gewandung.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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