"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 04

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

„Ihr sollt unser konfisziertes Fischfutter wiederbeschaffen.“
Es wundert mich nicht, dass meine Gefährten dem Altvater die Geschichte vom gestohlenen Fischfutter nicht glaubten. Arlekin kann sehr eindringlich sein, wodurch er den Schwindel prompt durchschaute, wohingegen Orasilas sehr naiv sein kann und wir ihn über die verschleierte Sprache der Diebe aufklären mussten.
Doch vor unserem großen Auftrag erhielten wir unerwarteten, doch hochgeschätzten Besuch von Danilo, einem wirklich herzensguten Kerl, talentierten Bader und – am allerwichtigsten – einem glühenden Bewunderer meiner Werke! Es war ein Fest mit ihm über meine Emanuel-
Reihe zu plaudern und ich war fasziniert, wie sehr ihm die Details meiner Geschichte im Kopfe haften geblieben sind. Großmütig versprach ich, einen Bader-Charakter nach seinem Vorbilde in einer meiner nächsten Bücher auftreten zu lassen.

Meine beiden Menschenfreunde hatten ein Bad tatsächlich dringend nötig, nachdem wir zwei Wochen im Kerker zugebracht hatten. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, sie rochen schlimmer, als brünftige Oger. Selbstverständlich erfrischte auch ich mich, indem ich mir die Ohren mit einem angehauchten Tuch abtupfte. Ich neige nicht dazu, schmutzig und schwitzig zu werden, wie reinblütige Menschen, Mutter sei Dank.

Zu meiner Freude tummelte sich erneut das Äffchen aus dem Zirkuswagen im Hof und ich unternahm einen weiteren Versuch, sein Vertrauen zu gewinnen, diesmal mit Orasilas‘ Hilfe. Seine friedfertige Aura und seine Fähigkeiten nutzten leider weder mir, noch dem Äffchen – Orasilas behauptete steif und fest, er könne seinen heilenden Segen dem Kleinen, verletzten Ding nicht zuteil werden lassen, weil es nicht „kulturschaffend“ sei.

"Szenerie Fringlashof" / Copyright by Florian Hoffmann

So frage ich dich, geneigter Leser – ist Zirkus nicht Kultur? Und ein Affe, der in eben jener Manege Kunststücke vollführt, ist der dann nicht – quod erat demonstrandum – kulturschaffend?

Manchmal verzweifle ich tatsächlich an der Engstirnigkeit der Religionen. Das Tierchen braucht unbedingt meine Hilfe und ich werde mich anstrengen, es zu pflegen, sollte mir seine Zähmung gelingen.

Zu meiner Freude hatte ich ebenfalls erneut Gelegenheit mit der Hexe Satuna zu sprechen, nachdem Arlekin eine Unterredung mit ihr hatte. Mir scheint, dieser Mensch mustert Frauen eher wie Vieh, anstatt ihrer inneren Werte und Talente zu huldigen. Aber dies ist nicht meine Sache, auch wenn mir gerade die üppigen Brüste dieser verräterischen Selma in den Sinn kommen, ach ja… – ihr wirklich durchschnittliches Äußeres hat ihre dunkle Seite natürlich keinen Moment vor meinem scharfen Verstand verbergen können, nur hatte ich nicht mit dem Zeitpunkt und der Härte ihres Verrats gerechnet. Und ihre Haut war so weich…

Jedenfalls, wo war ich… äh ja, befragte ich Satuna zu dem Ahnenzeichen auf der Brust der Prinzessin, und sie gestand, es einmal gesehen zu haben. Sie wird versuchen, es für mich aufzuzeichnen. Vielleicht nützt das für Orasilas‘ Suche nach dem wahren Mörder.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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