"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 05

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Heute nahm unser Auftrag endlich Formen an, in Plan und Tat. Wir sollen im Auftrag der Oberbefhelshaberin Rondriane von Sappenstiel Ausrüstungsgegenstände aus der Aservatenkammer des Wächterturms holen – soweit die offizielle Version. Es ist immer gut, eine zu haben, so man überraschend danach gefragt wird. Schon ein ums andere Mal kam ich in meinen jungen Jahren in Situationen, da ich unvorbereitet nach Worten rang.
Altvater Zwerg sandte uns zu diesem Behufe mehreres: zwei Menschen, ein Pferd, eine Kutsche und dreierlei Ausstattungen an Unterkleidern, Kettenhemden, und Streitkolben.
Letztere Dinge sind unnötig schwer, sodass ich mich ihrer alsbald entledigen werde, um für ein Gefecht bereit zu sein. Leider ist diese Kleidung nebst Waffen und Rüstung die übliche Tracht für die Nostrische Wehr, die wir nunmehr verkörpern sollen – die schwerste Tarnung, die ich je tragen musste. Ich versuchte geschickt aus einem Stück Holz eine Attrappe des Streitkolbens als Scheide für mein wiedererlangtes Florett zu fertigen, um die viel zu klobige Waffe nur zum Schein dabei zu haben, doch alles Holz hier ist zu morsch oder vermodert, weshalb selbst mir, mit meiner herausragenden Kunstfertigkeit, in der Kürze der Zeit kein Erfolg beschieden sein konnte.

Die Menschen sind Asmodet und Morion, eine gewandte Frau, der ich von Anfang an ihre Zwielichtigkeit ansah, nur machte ich mir geringe Sorgen, da dies unter den Grünkappen eine übliche Ausstrahlung ist. Im Gegensatz zu ihr jedoch mangelt es Morion, ihrem Burschen an jeglichem Fluidum – immerhin atmet er und kann einen Wagen lenken, doch nicht einmal das war ihm heute vergönnt.

Merket auf: Arlekin, dieser lustige Gesell‘, lenkte unsere Kutsche. Auch wenn dem guten Schnapperder Widerwillen, dessen Kommandos zu folgen, offenbar war, fügte er sich doch und der Mensch fuhr das Gespann nur beinahe gegen die Wand. Nein, ich muss sagen, beachtlich, halte ich ihn bisher doch eher für einen gewandten Hochstapler, dem einige Zaubertricks in die Hirnwindungen gefallen sind.

Da ich um nichts in der Welt mit Arlekin auf dem Kutschbock sitzen wollte, gesellte ich mich zu Orasilas, der seit heute Basilio genannt werden möchte, auf die hinteren Plätze.
Arlekin nennen wir übrigens während unserer Unternehmung Nikelra, was erneut auf eine gewisse Einfältigkeit deutet – wenn ich mir schon einen anderen Namen gebe, dann doch bitte nicht einfach den meinen von hinten nach vorne!

Wir erreichten ohne Schwierigkeiten den Wächterturm, wo ich als erstes nach meinem Aushang sah – ich preise dort meine Bücher an und nehme dort in Form kleiner Notizzettel
die Huldigungen meiner treuen Leserschaft entgegen. Wie erwartet, war auch heute nur Schönes dabei – immerhin konnte ich seit Wochen nicht mehr danach sehen, so hat sich einiges angesammelt.

Leider hingen auch Steckbriefe Orasilas‘ und Arlekins aus, die Orasilas kurzentschlossen abriss und entsorgte. Ein wenig beleidigt bin ich immer noch, dass von mir kein Steckbrief angeschlagen war. Allerdings, wenn ich bedenke, wie schlecht der Zeichner die Gesichter der anderen beiden eingefangen hatte – sie waren im Grunde nur an ihrer Kleidung zu erkennen.

"Am Wächterturm" / Copyright by Florian Hoffmann

Die Wachen nahmen kaum Notiz von uns. Gottlob hat Orasilas trotz seiner Talentfreiheit manchmal auch Glück im überzeugenden Lügen.
Eine Wache, genannt der Lange, ließ uns in den Turm und führte uns zur Kammer, aus der wir offiziell die Ausrüstungsgegenstände holen wollten. Gerne hätte ich seine Kumpanen beim Boltanspielen ausgenommen, doch dafür war nicht der richtige Zeitpunkt. Der Lange überließ uns uns selbst und Orasilas begann mit Asmodet zum Schein das Einsammeln der Ausrüstung, während er in Wahrheit nach seinem Namensschwert spürte. Hatte ich erwähnt, dass er das Schwert, das er bisher bei sich trägt mit einem gar lustigen Namen versehen hat? Ich wage es nicht, diesen Namen niederzuschreiben, den hebe ich mir lieber für den nächsten Teil meiner Emanuel-Reihe auf.

Unterdessen ich die Tür der Aservatenkammer daneben gekonnt knackte, worin Arlekin und ich uns an die Suche nach Altvaters Fischfutter machten. Ein kurzer Blick offenbarte mir den Standort der Kiste sogleich und Arlekin und ich halfen Orasilas bei der Suche nach seinem Herzensschwert, das er partout nicht finden konnte. In der Tat war es nicht mehr da, wie ich bald wusste, denn ich konnte die Wachen im Gang belauschen, die darüber scherzten, einem Zwerg namens Arbon ein großes Schwert verkauft zu haben. Ich zählte sieben und sieben zusammen und wusste, es war die Rede von des Rondrageweihten Schwert.

Nun galt es, die Zeit nicht über Gebühr zu strecken, um keinen Verdacht bei den Wachen zu erregen. Wäre Arlekin mit deutlich mehr Muskelschmalz gesegnet – es ist ein Wunder, dass er seinen dort wiedergefundenen Magierstab überhaupt in Händen halten kann – hätten wir die Kiste Fischfutter geschwind geschultert und getarnt als besagte Ausrüstung an den Wachen vorbei getragen. Durch seine Sturrköpfigkeit und schwachen Ärmchen ergriff die falsche Schlange in unserer Mitte die Gelegenheit und schmiss dir Tür der Aservatenkammer von außen zu, in der wir unglücklichen drei uns allesamt befanden. Wäre doch meine Warnung vor ihr nicht auf taube Ohren gestoßen, meine Freunde! Nun saßen wir fest. Sei verflucht, Asmodet!

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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