"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 06

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Ich bin ein kluger Mann und meide Handgreiflichkeiten, wo immer ich kann. Verletzungen stehen den Freuden des Siegens meist im Wege und finde nichts daran, in einen Kampf verwickelt zu werden. Nicht umsonst lehrte Awanda mich das Gehen in den Schatten und das lautlose Handwerk.

In dieser Stunde aber, meine Getreuen, hieß es, die Klingen zu ergreifen. Erst glaubte ich, Orasilas, der gute Herzenskrieger, würde sich abführen oder gleich am Fleck töten lassen, denn als die Tür aufflog, stand er still. Ich konnte spüren, wie sich etwas Mächtiges in meine Wahrnehmung schob, obgleich ich nichts zu sehen vermochte. Die Luft um meinen geweihten Freund schien zu flimmern und ich meinte, ein Leuchten um die Klinge seines Schwertes zu sehen. Rondra musste ihm beistehen, denn mit dem gewaltigsten Hieb, den ich je gesehen habe, schlug er einem Wachmann eine solche Wunde, dass der nur wimmernd davonlaufen konnte. Auch die anderen Angreifer zeigten sich entsetzt, ließen aber nicht von uns ab.

Im Getümmel sprang ein wahrer Höllenhund in die Kammer. Jedes Haar seines Fells aufgestellt zu scharfen Klingen, Feuer in den mordlustigen Augen, Krallen so lang wie Entermesser und von seinen Lefzen troff giftiger Schleim. Der Adeptus Minor verkroch sich ängstlich hinter die Kiste Fischfutter, die wie ein eherner Block aus Stein zwischen uns lag.
Wir beide streiften gerade unsere lästigen Kettenhemden ab, während Orasilas den Ansturm der Feinde alleine bändigte und auch nach seinem formidablen Hieb mit sich haderte, die, in seinen Augen Unschuldigen, zu verletzen.

Kaum lag mein Kettenhemd ab Boden, ergriff ich mein Florett und stach nach der Ausgeburt der Hölle, die erst nach Orasilas geschnappt hatte, bevor sie mich als lohnenderes Ziel erkor.
Ich durchbohrte seinen Hals und eine Fontäne dampfenden Gifts zischte aus den Adern des Dämons. Im selben Moment, da ich meine Klinge zurückzog, verbiss er seine dolchartigen Fänge in meinem Bein. Ich vertrage Schmerzen, das wisst ihr, treue Leser, doch diese hier, waren nicht irdischen Ursprungs! Trotz allem behielt ich die Kontrolle über meine Sinne und stach erneut zu – hätte ich ein Schwert in Händen gehalten, dieser Hieb hätte dem Untier den Kopf vom Rumpf getrennt. Der Köter kläffte jaulend auf und ließ von mir ab, unterdessen Arlekin seine Deckung verlassen hatte und etwas murmelte, wohl eine Zauberformel dunkler Magie. Ich war gespannt, welchen Schrecken er zustande brächte.

Wie aus dem Nichts flog ein silberner Blitz im Schein der Fackeln durch die Kammer und einen Moment hielt ich ihn für das Werk Arlekins, doch flog der Blitz auf ihn zu und traf ihn am Kopfe. Orasilas war im Übermut oder aus Furcht, den Unschuldigen noch mehr Leid zuzufügen, sein Zweihänder entglitten und hatte nun den Adeptus Minor aus der Fassung gebracht. Nun weiß ich endlich, was ein Klingentanz ist.

Der Strom der Soldaten riss nicht ab. Auf den Gängen hörte ich wenigstens ein Dutzend, das sich gegen die Tür drängte. Dennoch fand der Dämon auf vier Pfoten ein Schlupfloch und entkam meinem und Arlekins Zorn.
Was blieb mir nun, als dem Praetor zu Hilfe zu eilen, hatte er mit der Übermacht doch seine liebe Not. Ich visierte an und stach in Richtung der empfindlichen Achsel eines Angreifers, als der einen Schrei tat, bevor mein Florett ihn durchbohrte. Alle Angreifer packte ein Wahnsinn und sie schrien und liefen kopflos durcheinander, bis sie den Ausgang fanden und ihre Pein in den Gängen mit ihren Schritten verhallte.

Ich gebe zu, mein allererstes Werk – „Fünfzig Schatten des Grauens“ hatte eine ähnliche Wirkung auf mein Publikum, als ich zur großen Lesung in die Kathedrale von Nostria gebeten hatte. Die frommen Mönche hielten sich die Ohren zu und stürmten Hals über Kopf, Gebete rufend, aus dem Gotteshaus. Sie waren noch nicht bereit für gehobene erotische Literatur.

Doch in diesem Falle war es Arlekins Werk. Er hatte einen Zauber des Schreckens über sie geworfen und uns den Weg zur Flucht freigemacht. In ihm steckt doch etwas Nützliches!
Gemeinsam wuchteten wir die schwere Kiste, ich möchte sagen, sie wog sicher hundert Stein, auf die Schultern, doch fehlte uns ein vierter Mann.

"Kistenkasper" / Copyright by Tanja Waack

So schoss Arlekin davon und brachte den tapferen Molion herbei, der seine Treue und Stärke beweisen konnte. Das Gift des höllischen Bisses schwächte meinen Körper und alsbald musste ich Molion missmutig meinen Platz an der Spitze unserer Prozession überlassen. Der Junge hat eine unglaubliche Kraft für seine jungen Jahre! Wir erreichten von weiteren Attacken unbehelligt den Ausgang und luden die Kiste auf den Karren. Zeit, zu den Grünkappen zurückzukehren…

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

  • Youtube
  • Facebook Social Icon
  • zwitschern
  • Instagram
  • Discord
Ritterladen Banner