"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 08

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Endlich angemessene Gemächer für einen Künstler und Ehrenmann wie mich! Zu meiner Freude kontaktierte mich Elgrim endlich – fast hatte ich den guten Mann schon vergessen – ich hatte ihn gebeten, meine Unterarm-Armbrust zu reparieren, die bei meinem letzten Auftrag doch arg gelitten hatte und er hat vortreffliche Arbeit geleistet, obgleich er eine solche Waffe selbstredend noch nie zu Gesicht bekommen hat. Es ist eine Spezialanfertigung eigens für mich und leistet mir stets gute Dienste. Überdies hat Elgrim einige nützliche Bolzen gefertigt, die mir sicherlich in den kommenden Wochen hilfreich sein werden. Derweil ich mich mit dem Handwerksmeister unterhielt, begab Arlekin sich zu Satuna, um ihr Labor zu besichtigen, soviel ich weiß. So sagte er. Doch ich habe in seinem Gesicht gelesen, dass er versuchte, unlautere Absichten in Bezug auf die Hexe zu verbergen. Seine Mine sprach Bände, als ich ihn später wiedertraf. Er hatte die Hexenküche verlassen und sah aus, als hätte er mehr als einen Korb von der blinden Dame erhalten. Gutes Aussehen ist eben nicht alles, Herr Magier. Ich hoffe nur, er hat keinen Unfug dort oben angestellt, immerhin wird Satuna stets von ihrer Schlange Kress begleitet, die äußerst unangenehm werden kann, wie ich aus meinen ersten Tagen hier im Fringlashof aus eigener Erfahrung weiß. Ich schätze Satuna, aber sie ist nicht so leicht zu umgarnen wie eine Selma Notfink. Eines noch: Irgendwie roch der Magier nach sabberndem Hund.

Da ich nun zu den Grünkappen zähle, kann ich ungehindert im gesamten Gasthof verkehren und freue mich, bekannte Gesichter wiederzusehen, die sich ausserhalb des Gebäudes nur selten blicken lassen, wie Frida, Brako, Silas oder Brianna, die mich allesamt um Autogramme baten und sich nach meinem nächsten Werk erkundeten. Ich ließ mich selbstredend nicht lumpen und fertigte sogleich auch ein paar schnell gedichtete Zeilen für Briannas beide Kinderlein, die mich vergöttern. Seinen Verehrern muss man ihre Zuneigung stets vergelten und ein jeder weiß: Lysander Federkiel ist ein Mann des Volkes! 
Zu meinem Ärger stockt mein jüngstes Emanuel-Werk aufgrund einer lächerlichen Schreibblockade meiner Schreibefeder. Sie war heuer zickig und verweigerte mir den Dienst. Ich muss dringend meinen Weg fortsetzen und sie neu bezaubern lassen, auf dass der Fluss der Worte ihr nicht gänzlich verloren geht. Das wäre ja tiefstes Mittelalter, wenn ich wieder alles ganz und gar alleine zu Papier bringen müsste! Niemals!

Zu meiner Unbill suchte mich just in diesem Moment der harten Arbeit Arlekin auf und konfrontierte mich mit der anstehenden Aufgabe der Grünkappen und Satunas Anweisung, unsere Waffen segnen zu lassen, da wir selbst keine solchen mit uns führen. Arlekins Zweifel konnte ich mit einem schnellen Wink aus dem Fenster zu Orasilas aus dem Weg räumen – er ist unser Mann, wenn es um das Segnen von Dingen geht. Sogleich setzte ich Arlekin vor die Tür und traf ihn erst wieder, als wir uns im Hof versammelten, um die Waffen von Orasilas segnen zu lassen. Auf meinem Weg organisierte ich eine letzte warme Mahlzeit bei Dolpher, dem Koch, der mich nicht länger anschreiben lassen möchte. Meine beiden Gefährten haben mir in der Tat die Münzen aus dem nicht mehr vorhandenen Geldbeutel gezogen – daran muss ich dringend etwas ändern. Orasilas wird sicher bald durch seine Schwester wieder zu Geld kommen und kann dann seine Schuld bei mir begleichen. Indes versprach ich Dolpher, ihn in meiner Emanuel-Reihe zu verewigen. Zugegeben, ich habe geflunkert, als ich ihm sagte, es gäbe da eine Rolle, die wie auf ihn zugeschnitten sei. In der Tat muss ich nun einiges umschreiben und ihn irgendwie reinquetschen. Ach, mein Leben ist wirklich einfacher, wenn ich nicht jedem dahergelaufenen Wink und Wunk einen Platz in meinem unsterblichen Werk verspreche. Memo an mich: Lass das in Zukunft, Lysander!

Gemeinsam mit Satuna brachen wir zur Alten Schule Nostrias auf, wo eine unumgängliche Aufgabe Satunas für uns auf Erfüllung wartete. Mir welkten um eine Windung beinahe die Ohrmuscheln: Satuna weihte uns darin ein, dass es einen Dämonen zu töten galt, um einen bestimmten Trank zu brauen, der Orasilas und Arlekin ihre verlorenen Erinnerungen um den Tod der Prinzessin wiedergeben soll. Abgesehen davon, dass ich das für reinsten Humbug halte, sehne ich mich weder nach dem Tode, noch nach einem Kampf mit einem Dämon. Voller Ungemach gedenke ich da meiner Begegnung mit dem zweiköpfigen Höllenhund aus dem Wächterturm, der mir Arm und Bein ausreißen wollte! 
Nun gut. Ich beschloss, die Lage aus sicherer Entfernung durch das Visier meiner Armbrust zu begutachten und nur im Notfalle einzugreifen. Dies sollte als allgemeingültige Taktik für jedermann geltend gemacht werden, der vorhat, sich mit Dämonen anzulegen – gedenket meiner Worte!

An der Schule angekommen, sandte Satuna Kress durch einen Spalt in die Alte Schule und verkündete, dass keinerlei Gefahr drohe, was ich amüsiert zur Kenntnis nahm. Ich kann mir schwerlich vorstellen, welche Gefahr in einer verlassenen Schule drohen könnte, die das Beschwören eines Erzdämonen überstiege! Einen kleinen, niedlichen Taschenwärmer-Dämonen könnte ich mir durchaus noch als Haustier vorstellen, aber gleich einen ausgewachsenen, geflügelten Halbdrachen zu beschwören – so stelle ich mir richtige Dämonen nun einmal vor – das schien mir schwer übertrieben. Eine Nummer kleiner hat Satuna es wohl nicht. Meinen scharfen Augen fielen sofort die verstecken Fallenschnüre knapp über dem Boden auf, in die die versammelte Mannschaft hineingestolpert wäre, nachdem Kress ahnungslos darunter hindurch geschlängelt war. Ich konnte Arlekin und Orasilas gerade noch am Kragen packen, bevor sie die selbstschießenden Bolzen in den Wänden ausgelöst hätten. Satuna, obwohl blind, stieg unbeirrt über die Falle hinweg. Das beeindruckte selbst mich. Wer um Phex‘ Willen hier Fallen aufstellt, ist eine Frage, der ich nicht nachgehen werde. Zu vieles steht bereits auf meiner Liste der unzumutbaren Aufgaben, die mich nur vom Schreiben meines neuesten Werkes abhalten. Dies sollen beizeiten gewöhnlichere Recken klären, die weniger weltbewegende Aufgaben zu lösen haben als ich.

Satuna begann das Ritual der Beschwörung, indem sie ein Pentagram auf den Boden zeichnete und Kerzen auf dessen Ecken entzündete – mit einem Streich ihrer Fingerspitzen, so wahr mir Phex helfe! Hexerei! Zur Wahrung seiner Ehre will ich nicht verschweigen, dass Orasilas schon in seinem Gewand wühlte, um eine Zunderbox zu finden. Seine Finger waren sicher zu feucht vom Angstschweiß, um einen kleinen glimmenden Segen herbeizurufen, oder wie er so etwas auch nennen mag. Die Hexe war sowieso schneller. Ich ging auf einem Tisch in einer Ecke des Raumes in Deckung und hielt geladene Armbrust und Äffchen bereit. Ich bilde es aus, die Armbrust nachzuladen und die Bolzen zu tragen. Seine Jonglage mit denselben piekst mir zu oft in den Augen. Wir waren bereit für das Grauen, dass da kommen würde.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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