"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 14

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Ohne Übertreibung müsst ihr mir zustimmen, dass Arlekin und Orasilas ohne mich längst wieder einen Strick um ihre feinen Hälse trügen. Meine vorausschauende Wachsamkeit hieß mich die beiden auf dem Schiffe zu warten, ehe sie den Gesetzeshütern Salzerhavens in die offenen Arme laufen würden. Sie meinten, hier, weitab der Hauptstadt, drohe keine Gefahr, würden sie gewiss nicht gesucht. Falsch gedacht, meine Herren!
Nachdem ich Efferd eine Münze zugeworfen hatte, fand ich direkt am Kai zwei mannsgroße Steckbriefe angeschlagen, die Magus und Praetor in all ihrer Unvollkommenheit zeigten – Orasilas‘ besserwisserische Augen und Arlekins stechender, eiskalter Blick waren gut getroffen. Ich entfernte die Anschläge und sagte ihnen vorerst nichts darüber. Witzig fand ich, dass der Künstler Orasilas nur ein gewöhnliches Schwert und keinen Rondrakamm gemalt hatte – sehr hintersinnig!

Nun, selbstverständlich musste ich als Mann von Ruhm in dieser kleinen Ortschaft keinerlei Zoll entrichten, wohingegen Orasilas heftig feilschte, um den armen Zöllner von seinem göttlichen Auftrag zu überzeugen und dass er sein Geld für das Wohl der Kirche benötigte. Es war mir derart peinlich, dass ich dem Beamten einen Dukaten aus meiner Börse in die Hand drückte und Orasilas weiterschubste.
Auch Arlekin ist ein Knicker vor den Zwölfen. Er wähnte sich besonders klug und verschwendete einen teuren Zaubertrank darauf, sich zollfrei an Land zu stehlen. Indes inspirierte er mich dadurch zu meiner Ode „Adeptus Lupus“, die ich mal eben so nebenbei im Kopfe verfasste. Sein Trank verwandelte ihn zu einem Hunde. Es war kein sonderlich guter Trank, scheint mir, sonst hätte er sich vielleicht in einen stolzen Kriegshund verwandelt oder einen stattlichen Leitwolf! Aber nein, es gereichte ihm nur zu einem sabbernden, kleinen Pinscher mit hoffnungslos struppigem und verfilztem Fell. Herrje… was muss ich mich fortwährend für meine Begleiter schämen!

"Adeptus Lupus" / Copyright by Florian Hoffmann

Leider, ja, leider habe ich mich beim Andenken meiner seeligen Mutter dazu verpflichtet, Chronist der Wahrheit zu sein und darf nichts beschönigen, wie gern ich den Ereignissen ein wenig Glanz hinzufügen würde. Wenigstens ging Arlekins Plan auf und seine Freude darüber währte so lange, bis er sich mit einem lauten PUFF in seine Menschengestalt zurückverwandelte.

Ein gutaussehender, schlanker Mann deutete mit ausgestrecktem Finger auf ihn und lachte, wie er so auf dem Marktplatz stand, nackt und ungeschminkt, eine fragwürdige Tätowierung auf seiner Brust. Leider war um diese Zeit nicht viel los und niemand bemerkte meine Geste des Amüsements.Der Magus eilte peinlich berührt in eine dunkle Seitengasse, wo er einen Greis aus dessen Fass verjagen wollte, um es selbst zu beziehen. Doch stattdessen schlug der Alte Arlekin eine verdorbene Forelle links und rechts um die Ohren, die dieser dann statt des Fasses schützend vor sein Gemächt hielt. Es war keine sehr große Forelle. Sie war sogar sehr klein. Eher eine sehr junge Sardine, wenn ich mich ganz genau entsinne. Derweil ließ ich PePe um ein paar Heller jonglieren und hieß Bolle Arlekins Kleider holen, um dem Trauerspiel ein Ende zu machen. Wir hatten wichtigeres zu tun, als Versteck die Sardine zu spielen.

Der Abend dämmerte bereits. Wir bewunderten die stilvolle Beleuchtung des Städtchens, während wir uns vom Hafen entfernten. Katharinia Brahmstecks Sägewerk war nahe und wir erreichten es nach wenigen Minuten. Davor, ich schwöre es, führte ein bunter Pfau, arm an Talent, doch sehr bemüht, einen schrägen Minnesang auf, um das Herz Katharinias zu umgarnen. Dies war mit Sicherheit der Grund, warum sie nicht leicht zu finden war. Wir frugten einen jeden ihrer Arbeiter nach ihrem Verbleib, doch sie ließ sich verleugnen. Nun war mir der Grund dafür klar. Ich nahm mir Timmgrimm von Turkelbold, diesen untalentierten Sänger, zur Brust, reimte seine belanglosen Worte aufs Geratewohl, lieh mir die Harfe seines Dieners und schmetterte ein Lied, wie es die Welt noch nicht gehört hatte.
Schon nach der ersten Zeile winkte mir eine hübsche Dame vom Fenster des Sägewerkes und eilte sofort nach meinem Gesange hinunter. Ich erklärte ihr, dass ich nur der Bote sei und dass das Lied das Werk dieses Turkelbolds war, der unsterblich in sie verliebt sei. Sie sahen sich verliebt an und werden gewiss viele Kinderlein haben. Jeden Tag eine gute Tat, meine Devise. Nebenbei prägte ich ein dereinst geflügeltes Wort, den freudigen Versprecher. Fortan werden Versprecher, die das unbewusst Gedachte offenbaren, jedoch ohne Absicht begangen werden, derart genannt. Ich nannte mich versehentlich von Federkiel, als ich mich dem Trunkenbold, äh, Torkelbold, wie auch immer, vorstellte. Es war höchste Zeit, dass ich die Sprache Aventuriens zu prägen beginne!

Doch nun musste Katharinia die Warnung überbracht werden und so nahmen wir sie beiseite in einen ungestörten Raum des Sägewerkes. Auf dem kurzen Weg wären wir um ein Haar in Arlekins geraspelten Süßholz-Spänen steckengeblieben, so sehr stellte er der armen Katharinia nach, nun ja. Immerhin fasste er für sie die Geschehnisse in Nostria zusammen und sie offenbarte uns ihren Plan, einige Grünkappen aus ihrer Gefangenschaft in einer Vogtei befreien zu wollen.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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