"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 15

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Kochen können sie in Salzerhaven, das wohl! Ich gönnte mir ein vorzüglich Wildbret mit Klößen und Preiselbeeren zu einem lachhaft geringen Preis. Drum lud ich meine Begleiter selbstredend ein, wobei Arlekin das Wildbret begrüßte und Orasilas sich lieber mit einer weiteren Salzarele begnügte. „Ein Tag ohne Salzarele ist ein verlorener Tag“ scheint sein Wahlspruch zu sein. Außerdem verschlang der heilige Mann drei Knatbier! Ich muss zugeben, am Ende hatten wir vielleicht alle ein wenig einen im Tee. Doch hätte ich meinen Freund nicht beaufsichtigt, wäre seine Männlichkeit wohl schon im Schankraum mit ihm durchgegangen – so viel sei vorweg genommen: er schlief am Ende seelenruhig, beide Hände an seinem „Rondrakamm“ ein. Und wir hatten die Zwölfe sei Dank getrennte Zimmer!
Doch bevor wir zu Bett torkelten konnten wir nicht umhin die Worte einer Zwergin zu vernehmen, die lautstark von ihrem frisch gestochenen Hautbild schwärmte und es unbedingt jedem unter die Nase halten wollte. Ihr Name war Elnaxa und sie sah so scheußlich aus, wie Zwerge es nun mal sind. Doch mehr interessierte ich mich für ihr Hautbild, das der meisterhafte Tätowierer Bargin Wermhager gefertigt hatte. Neben zwergischen Schriftzeichen erkannte ich dieselbe Art elbischer Zeichen, die ich aus dem alten Buch meiner Familie kenne. Irgendetwas geht hier vor im Staate Nostria und ich werde herausfinden, was.

Elnaxa setzte uns außerdem auf die Spur des flüchtigen Zwerges Arborn, sehr zur Freude Arlekins und Orasilas‘. Er sollte bei einem Schmied gesichtet worden sein, den wir uns vornahmen, am Abend aufzusuchen.
Auf dem Weg ins Bett pinnte ich mein Meisterwerk Adeptus Lupus an die Tavernenwand und hieß einen jeden, der etwas auf sich halte, es auswendig zu lernen, es habe magische Kräfte.
Oh, wie rannten sie alle, die Zeilen zu verinnerlichen! Wenn sie wieder nüchtern sind, werden sie merken, was für ein Unfug es war, doch werden sie mein Gedicht weithin in die Welt tragen!

Die Nachtruhe war sehr irdisch! Ganz ähnlich hatte ich Jonnas Nachruhe auf der Zunge eines Walfischs in Wahlheimat Walfisch beschrieben. Weich, aber feucht war das Bett Im Dicken Walfischund vom undichten Dache tropften Bindfäden kalten Wassers herab, wie der Sabber eben jenes Meeressäugers.
Dennoch erwachte ich erstaunlich guter Laune, bis Arlekin sie mir vermieste. Wir trafen uns allesamt im Schankraum zu einem guten Frühstück und ich drängte Orasilas und Arlekin bald zum Aufbruch. Sie waren nur schwer von ihrem Mahl zu trennen und so eilte ich alleine zu Urfalion, dem Schnitzer Katharinias, den ich gestern schon um seine Dienste bitten wollte und heute fand ich ihn. Ich beauftragte ihn, ein Amulett zu schnitzen, ein neues Gargoyle Bildnis, da mir meines ja durch die Inhaftierung abhanden kam. Ich werde es entsprechend behandeln, wie es sich für mich geziemt. Ich freue mich auf die Gunst meiner Begleiter, obwohl ich sagen muss, dass ich auch ohne nachzuhelfen sehr gut zurechtkomme.
Nun marschierten wir endlich nach Salza. Der Adeptus pflückte Blümchen am Wegesrand, wohl für einen neuerlichen Versuch, bei Katharinia oder einfach der nächstbesten Frau zu landen, der wir begegnen würden. Bolle verabschiedete sich bei uns an einem Turnierplatz, der anlässlich des Fischerfestes zwischen den Städten aufgebaut wurde. Er hört sich für uns um, ob sich vielleicht Edelgraf Albio dort blicken lässt. Orasilas war nur schwer zum Weitergehen zu bewegen. Noch nie durfte er an einem Turnier teilnehmen, teilte er mir im Geheimen mit – seine Göttin Rondra hält ihn wohl für zu unbeherrscht und fürchtet um die Köpfe seiner Kontrahenten. Wenn ich nur an den armen Westwinddrachen denke, bin ich überzeugt, dass dies ein stichhaltiger Grund ist, Orasilas die Teilnahme an Axt- und Schwertspielen zu verwehren.
Ohne Umschweife fanden wir das Haus Dardane Brusiks. Die alte Dame hält sich eine Vielzahl an Singvögeln in Hunderten von Käfigen. PePe verhielt sich äußerst merkwürdig, als er sie erblickte, als kämen ihm diese metallenen Gefängnisse bekannt vor. Doch ich verstehe ihn nicht gut genug, um diesen Verdacht zu untermauern. Von Dardane ließ ich mir jedenfalls die Adresse des Käfigverkäufers für spätere Nachforschungen geben – leider wohnt er just in dem Teil der Hauptstadt, der unsere geliebte Dere momentan und vielleicht für immer verlassen hat.

Ich schloss die gute Frau übrigens sofort ins Herz, denn sie hat einen vortrefflichen literarischen Geschmack! Noch von der Tür aus erspähte ich Von Hesinde verweht in ihrem Bücherregal und natürlich ließ ich mich nicht lange um eine Unterschrift darin bitten.
Orasilas erzählte ihr allerlei von unserem Auftrag und dass er ein Mörder sei, aber dann doch wieder nicht und vieles mehr – sein Mund stand gar nicht mehr still. Doch ich nahm keinen Anstoß daran, da ich in ein wirklich wichtiges Gespräch mit Dardane über mein Werk vertieft war. Ich freue mich ja stets, mit solchen Kennern guter Kunst zu parlieren. Es stellte sich heraus, dass sie sogar mein Gesamtwerk in den oberen Räumen besaß und keinen Abend zu Bett ging, ohne wenigstens ein Kapitel zu lesen. Sie kannte jedes Buch in- und auswendig! So fragte ich sie, ob ihr denn mein kleiner Fehler von Band drei zu Band siebzehn der Emanuelreihe aufgefallen wäre? Ich hatte nicht ausgesprochen, da sagte sie mir auf den Kopf die Stellen zu. Tja, werter Leser, ich sage nur so viel… sieh dir genauer an, was auf den Seiten eintausendvierzehn und siebenhundertzwölf passiert, als Emanuel den schwarzen Schandstein zu melken versucht und das Ei unter dem Pelz entdeckt. Mehr darf ich nicht verraten, um der Dame Brusik Ehre, die so aufmerksam war.

Nun, sie versprach, für uns ihre Adelskontakte spielen zu lassen, um Möglichkeiten aufzutun, an Edelgraf Albio heranzukommen. Er soll das Turnier am Marktplatz eröffnen, soviel konnte sie uns bereits sagen. Damit verließen wir sie und machten uns auf zur Schmiede.
Es ist schon erstaunlich: die größte Schmiede am Platze und sie hatte keinen Namen. Auch ihr Schmied stellte sich uns in keinster Weise vor, obgleich wir ihn huld- und schwungvoll und mit Orasilas ganzem Namen begrüßten. Die Überderischen seien gepriesen, sind nicht alle Handwerker so unfreundlich. Zu unserer Freude und Bedauern hatte er zwar den Zwerg Arborn von wenigen Tagen gesehen, doch wusste nicht um dessen Verbleib. Wohl aber blitzten Orasilas Augen, als ein Rondrakamm erwähnt wurde, den der zu kurz gewachsene bei sich getragen hatte. Wir sind ihm auf der Spur!

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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