"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 16

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Wir fanden das Waisenhaus! Gleich beim ersten Haus am Platz wurden wir fündig, den Zwölfen sei Dank, denn wir genossen seit langem einmal wieder das gute nostrische Badewetter und waren bis auf die Haut durchnässt. Ein Unwetter sondergleichen braute sich zusammen. Da die Tür verschlossen war und niemand öffnete, spähte Arlekin durch ein niedriges Fenster. Potzblitz rief er, ein andergaster Magier sei darin und ehe ich es verhindern konnte, rannte unser muskelbepackter Praetor die Schulter voran gegen die Tür. Sie zerbarst wie ein brüchiger Rondrakamm und schleuderte ihre Splitter in den dahinterliegenden Raum. Der Teddybär eines Waisenjungen wurde aufgespießt und gegen eine Wand gepinnt, der fliehende Mann in schwarzer Kutte von einem langen Splitter in die Wade getroffen. Noch im Stolpern betätigte er einen geheimen Mechanismus, der einen großen Käfig inmitten des Raumes öffnete und rief:„Diesmal sind wir auf euch vorbereitet!“

Sein Lachen verklang, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Um einen Angriff aus unserem Rücken zu verhindern, bezog ich einen Wachposten an der gesprengten Tür, trotzte Rondras Sturm, der rasend schnell stärker geworden war, ganze Fluten über die Straße wehte und Dächer abdeckte. Ich hielt PePe auf meiner Schulter fest, auf dass er nicht in das Unwetter hinfortgerissen würde. Ich musste meine Freunde vor dieser Urgewalt schützen, selbst wenn ein verirrter Blitz mich niederstreckte!

Orasilas und Arlekin mussten sich alleine der Gefahr aus dem Käfig stellen. Neugierig warf ich einen Blick über die Schulter und erkannte einige Drachenlibellen. Das war keine Bedrohung! Selbst ohne meine Hilfe traute ich den beiden die Klärung der Situation zu. Derweil sinnierte ich, was die Worte des Magiers bedeutet hatten – wir sind auf euch vorbereitet… Er musste uns kennen. War er uns früher bereits begegnet? Hatte einer meiner Begleiter ihm dabei etwas angetan?

Eine Libelle entkam dem kleinen Geplänkel und ich ließ sie geschickt an mir vorbei ins Freie schwirren, just in dem Moment, da ein Kugelblitz über die Gasse huschte und sie während eines Flügelschlags frittierte. Der Geruch erinnerte mich an die Jahrmärkte in meiner Jugend. Im selben Augenblicke drang ein überraschter und kläglicher Schrei aus dem Innern des Waisenhauses an mein Ohr. Ich fuhr auf dem Absatz herum und erschrak. Arlekin stand in hellen Flammen und wandt sich unter Schmerzensschreien auf dem Fußboden. Die Spur eines qualmenden Geschosses, das von der Hintertür des Zimmers bis zum Adeptus minor geflogen sein musste, hing noch in der Luft. Und in jener Tür stand der schwarzgekleidete Magier und lachte höhnisch.

Bei meiner Ehre, ich feuerte einen Bolzen aus meiner allzeit bereiten Armbrust auf den Schurken und noch ehe dieser sein Ziel erreichte, hatte ich auch mein Florett gezogen und war hinterdrein gesprungen, dem ungleichen Kampf ein Ende zu setzen. Arlekin verstummte, als ich über ihn sprang, verzehrt von des Flammenballes Hitze. Ich musste mich später um ihn kümmern.
Ich stach einmal zu, zweimal, versuchte die Arme des Gegners kampfunfähig zu machen. Der Magier brüllte „Ihr werdet keines unserer Kinder mehr stehlen!“ Irritiert hielt ich inne und wich seinen ungeschickten Fausthieben aus. War dies alles ein großes Missverständnis?

„Wir suchen gar keine Kinder!“ rief Orasilas plötzlich aus, der mit seinem Sturmtanz jede einzelne Drachenlibelle in saubere Hälften geteilt hatte. Gerade drückte er einem Waisenjungen den Kopf eines der Untiere in den Arm, als Ersatz für den aufgespießten Teddy. Da bemerkte ich, welch gutes Herz Orasilas doch hinter seiner steinernen Fassade verbirgt. „Ihr sucht keine Kinder? Wer zur Hölle seid ihr dann?“ Der Magus beruhigte sich und stellte sich als Sagittarius vor. Vielmals entschuldigte er sich, während ich mit Orasilas Hilfe die Brandverletzungen unseres Adeptus Minor zu verpflegen suchte, doch mit wenig Erfolg, ob des schlimmen Angriffes und seiner ohnehin stets schwächlichen Konstitution. Ich beschloss, eine Heilerin hinzuzuziehen und fand auf Sagittarius Beschreibung hin eine Hexe nahebei, die den Versengten hoffentlich zu retten vermochte.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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