"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 17

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Schnell wie der Wind war ich zurück und wir konnten das Schlimmste verhindern. Arlekin überlebte, doch wird er wohl für immer von diesem Angriff gezeichnet sein und einige Zeit brauchen, bis er wieder ganz der Alte ist.
Wir erfuhren von Sagittarius, dass der Stadtvogt, ein Mann namens Findus regelmäßig Kinder aus dem Waisenhaus entführt und für dubiose Zwecke missbraucht. Ist dies die neue heiße Spur, nach der wir uns gesehnt haben? Während ich darüber nachsann, zerrte auf einmal etwas an meinem Bein. Im ersten Augenblick wollte ich danach treten, doch schneller als ich reagieren konnte, schoss dieses Zerren und Kraxeln mein Bein und meinen Rücken hinauf. Es war Praetor Pipo, den Zwölfen sei Dank. Ich hatte ihn beim Aufschlag des Feuerballs unter Einsatz meines Lebens mit meinem Körper abgeschirmt. Der Kleine Kerl – ich habe ihn bereits richtig ins Herz geschlossen.
Orasilas konnte sich nicht auf den Beinen halten, deshalb hatte ich wohlweislich nach meinem Besuch bei der Hexe einen Karren organisiert, samt des Kutschers Basil, der uns nach Salzerhaven zurückfuhr. Auch wenn ich Arlekin nicht recht einschätzen kann, ist er in jedem Falle wichtig für unsere Aufgabe. Die Verschwörung muss aufgedeckt werden. Wenn sie bis in den Adel hineinreicht und dem Volke bewusst würde, dass an den Höfen und Adelshäusern meine Literatur verschlungen und bejubelt wird, so könnte das meine Auflage und meinen Ruf schädigen, so sie nicht aufgeklärt wird. So sehr ich die Gunst der hohen Häuser schätze, die Kaufkraft des Volkes schätze ich weit mehr. So wisse, werter arbeitender Leser, ich sehe mich hierin als einen Lüfter verborgener Geheimnisse, als Forscher und Chronist der Wahrheit und muss mich für eine kurze Zeit in diesen Kreisen bewegen, um zu ergründen, ob ich fortan guten Gewissens gestatten kann, dass meine Werke, die ich vornehmlich für Euresgleichen verfasse, in den adeligen Burgen und Höfen noch gelesen werden. Soviel dazu.

Als wir endlich Salzahaven erreicht hatten, besuchte ich den Schnitzermeister Urfalion, der glaubte, mich in einer Feilscherei betrügen zu können. Meiner Wortgewandtheit war er natürlich nicht gewachsen und so zahlte ich einen Preis weit unter dem, den er mir abknöpfen wollte. Ich übervorteilte ihn nicht – seine Arbeit war weit weniger gelungen, als Katharinia mir versichert hatte, als sie ihn mir empfahl. Einerlei, ich habe nun ein Ahnenzeichen als Amulett und dies wird mir sicherlich gute Dienste erweisen.

Eine wirklich unnütze Begegnung ereignete sich direkt vor der Versammlung der Grünkappen: Der talentfreie Bänkelsänger Klimmbimm von Wurzelbold meinte erneut Katharinia huldigen zu müssen. Und meiner Treu, was war sein Werk arm an Herz, arm an Seele, frei von jeglichem Schöngeist oder gelungenen Versen! Erneut vergaß Orasilas nicht darauf hinzuweisen, dass ich nicht von Adel bin, was diesem Popanz von Liebesbold zu Zoten über mich verleitete. Trüge ich nicht mehr Ehre als dieser Schurke im Leibe, ich hätte Orasilas ihn zum Duell fordern lassen!

Doch endlich fanden sich Bolle, der Praetor, der Praetor und ich in einem Gewölbe unter dem Sägewerk zur geheimen Versammlung ein. Katharinia rief im Schein unzähliger Kerzen dazu auf, beim großen Ritterturnier Informationen gegen den Edelgrafen Albio zu sammeln, um Druckmittel gegen ihn zu sammeln. Alles unter den viel zu wachsamen Ohren und Augen unseres Geweihten, der niemals an sich halten kann, wenn seine Nase eine Unlauterkeit wittert. In diesen Fällen wünschte ich, Arlekin könnte ihn mit einem Zauber in Schlaf versetzen. Doch der lag noch immer gut angebraten im Dicken Walfisch.

Als Katharinia das Turnier erwähnte und einen Zweikampf mit dem Schwert, schoss eine selbstbewusste Hand an unserem Tisch in die Höhe. Ich blickte Orasilas an, der mir mit einem harschen Blick zu verstehen gab, dass ich die Hand herunternehmen sollte, doch ich schlug ihn vor, ihn, den wahren einzig großen Ritter dieser Tage in unserer Runde. Doch er lehnte ab, da er unter falschem Namen hätte antreten müssen und das – oh wunder – gegen seine Ehre ging. Allerdings änderte er seine Meinung, als er von der Siegesprämie hörte: Eintausend Dukaten.

Geld lässt also selbst einen so weltfremden Mann nicht kalt. Ach so, und ein Zwerg soll seinen Rondrakamm an das Turnier verkauft haben, der ebenfalls dem Sieger des Schwertkampfes ausgehändigt werden wird.

Orasilas soll nun als weißer Ritter antreten, an Stelle eines anderen Ritters, den wir erst noch finden und ersetzen müssen. Das ist Arlekins Fachgebiet. Ich bin hier nur der Chronist und beteilige mich selbstverständlich nicht an solcherlei Schandtaten! Wir haben zwei Tage Zeit, einen Plan zu erarbeiten und Arlekin wieder auf die Beine zu bringen. Ohne seine Zaubertricks dürfte es ein wenig schwieriger werden, den Plan durchzuführen, denn die lieben Grünkappen halten sich in geradezu unverschämter Weise aus der Angelegenheit heraus, obgleich sie große Töne spucken. Bolle ist unser einziger Verbündeter von praktischem Nutzen.

Als die Versammlung sich auflöste und ich durch die Gassen im strömenden Regen mit Bolle zum Dicken Walfisch ruderte, schwamm Praetor Orasilas Albio Raschid Chada al' Zyra von Nostria zum Efferdtempel – vermutlich, weil das Gewicht seines schlechten Gewissens ihn mit dem Gesicht nach unten in den Matsch Salzerhavens drückt. Diese Gläubigen... ich werde sie wohl nie verstehen. 

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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