"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 18

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Der schwarze Reiter hatte sein geisterhaftes Ross durch Raum und Zeit geführt, gelockt von ehrfürchtigem Gesang. In letzter Zeit hatte er viel zu tun, musste vielen Leuten Albträume  bereiten oder als Heimsuchung erscheinen. Eine Arbeit, die er nicht besonders schätzte. Es hieß wochenlang von seiner Liebsten Amalia getrennt zu sein, die auf einem feurigen Berg an einem unerreichbaren Ort für Sterbliche auf ihn wartete. Diesmal sollte er also einem Praetor seine unheimliche Aufwartung machen. Einem Mann, der noch am Abgrund den nächsten Schritt gewagt hatte und nun in freiem Fall der Verwirrung anheim gefallen war.

Der Rondra-Geweihte hielt ein Ritual zu Ehren seiner Gottheit ab, um entweder den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten oder aber kehrt zu machen und sein Leben ehrbarer Ideale in seinen Grundfesten zu bestärken, auf das er niemals wieder gegen sie verstoßen werde.Irgendwo aus dem Efferdtempel in dieser eigentümlichen Menschenstadt hallten die gesungenen Worte wieder und der Rauch übelriechenden Krautes strömte hinauf ins Gebälk. Deshalb war der schwarze Reiter gesandt worden und nicht der weiße Philosoph, der gutriechendes Räucherwerk bevorzugte. Der Praetor hätte sich mit dem Weißen ein wenig unterhalten, sich dabei vielleicht auf eine Bank niedergelegt und von seinen Irrungen berichtet. Der Philosoph hätte genickt und "Hmhm." und "Interessant." gemurmelt und wäre schließlich mit der Anweisung entschwunden, ihn ab nun jeden Sonnenlauf einmal aufzusuchen. Doch nun war es zu spät. Die Silhouette des Betenden tanzte schwertschwingend hinaus aus den Toren des Tempels in das unwirtliche Gewitter, das die Stadt fest im Griff hatte. Ansatzlos und ohne einen Laut zog der schwarze Reiter ein feuriges Schwert und trat dem Geweihten entgegen. Ein weiterer Kampf um eine Seele entbrannte, den der Reiter niemals je verloren.

Tja, dies als Überlegung für einen neuen Band meiner Emanuel-Reihe. Ich denke da an den armen Kuhjungen Silas Pflügegut, der sich zum Geweihten ausbilden lässt, aber darüber verzagt, dass er in jungen Jahren einmal eine tartasische Nacktschnecke gefoltert hatte. Für diese Schande muss er Abbitte leisten, wenn die Bilder seiner Tat ihn nicht sein Leben lang verfolgen sollen. Es sollte sich nämlich herausstellen, dass das Glibbertier mitnichten eine Schnecke, sondern der verwunschene Elfenprinz Chakka'Muh war, und so weiter und so fort.

An den Details würde ich noch feilen. Aber ich bin nicht sicher, ob das schon der Stoff ist, aus dem meine Geschichten gemacht sind. Witzigerweise erlebte Orasilas heute wohl etwas ganz Ähnliches. Als ich ihn am späten Abend im Dicken Walfisch wiedertraf, sah er so mitgenommen und geistig verwirrt aus, wie ich mir Pflügegut an dieser Stelle seiner Reise vorstellen würde. Als Orasilas mein angebotenes Knat ablehnte, wusste ich mit letzter Gewissheit, dass ihm etwas auf der Seele lag.
Wir müssten uns einen anderen Weg suchen, ihn beim Turnier um den Sieg, seinen Rondrakamm und Kontakte in die Adelskreise Salzas zu erschleichen. Bei seiner Ehre, er könne nicht unter falschem Namen oder Maske antreten. Eher werde er sich einen Dolch in die Brust rammen. Etwas melodramatisch für meinen Geschmack, aber irgendwie kenne ich ihn auch so. Kleiner hat er es eben nicht. Wie dem auch sei, wir werden für Orasilas' Teilnahme am Turnier Ausrüstung benötigen. Vielleicht kann der namenlose Schmied etwas beisteuern. Bei den Grünkappen scheint hier nicht viel zu holen – keine Ritter unter ihnen.
Dann müssen wir nur noch einen Weg finden, unseren Herrn Aderbasio so beim Marschall für das Turnier anzumelden, dass Orasilas nicht unter seinem Helm unentwegt seine Herrin Rondra um Verzeihung bitten muss. Sonst sehe ich schwarz für seinen Sieg und seinen Rondrakamm.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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