"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 20

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Meine Freunde, ich frage euch: Wollt ihr ein Schauspiel sehen, bei dem die Akteure nicht freudig ihre zugeteilten Rollen ausfüllen? Bei dem jeder tut und macht, was ihm in Sinn und Schnabel kommt? Ich nicht! Einem Hauptdarsteller, der sich nicht an seine Anweisungen hält, würde ich die Bühnenfalltür angedeihen lassen. In diesem Sinne: Halte gefälligst den Eimer so, dass ich ihn treffen kann, Bolle, Page dû Piss!

Das musste erst einmal gesagt werden. Wie sollen ich und meine werten Begleiter die Welt retten, wenn schon ein Pisspage nicht in seiner Rolle bleibt? Bei den Grünkappen werde ich ordentlich aufräumen müssen, wenn das Bündnis mit Gargoyle von Dauer sein soll. Abgesehen von dieser an Verrat grenzenden Befehlsverweigerung gab es an diesem Tage auch Gutes zu berichten: Ein reicher Gönner verhalf PePe aus Bewunderung zu einem gar putzigen Zirkuskostümchen. Ich sollte besser schreiben ein reicher und knausriger Gönner, denn mir hat er nichts überreicht. Ich sehne mich nach feineren Unterkleidern und einer anständigen Bluse, die meinem kreativ-sensiblen Wesen den angemessenen Ausdruck verleiht. Ich werde mich selbst darum kümmern müssen, wie immer.

"Bolle als Pisspage" / Copyright by Tanja Waack

"PePe im Kostüm" / Copyright by Tanja Waack

Ich hoffe, die meisten Leser mit den belanglosen oberen Absätzen endlich vergrault zu haben, bevor ich nun das wirklich interessante Ereignis schildere. Awanda hat sich gemeldet. Ein Bote hat mich erreicht mit einem Auftrag und einer neuen Gargoyle-Kamee. Den Zwölfen sei Dank! Endlich kann ich mich wieder standesgemäß ausweisen, falls mich tatsächlich einmal jemand nicht kennen sollte. Mein Ruf eilt mir immerhin voraus. Tante Awanda hat mir einen Auftrag gegeben, keinen ganz einfachen, will ich meinen. Sie verlangt, dass ich von einer Edlen eine sogenannte Schneebrosche stehle und an unsere gemeinsame Freundin, die "Baroness" schicke, von wo aus sie wir immer alles weitere regelt.
Das Spannende ist nun, dass ich weder die Adelige kenne, noch weiß, wie diese Schneebrosche aussehen mag. Dinge, die ein gewiefter Geist wie meiner jedoch in Erfahrung bringen kann. Ich sandte Tantchen umgehend eine Antwort und setzte auch eine Depesche per Eilboten an Philipp ab, meinem Verleger, Philipp Bermhager. Er sollte eine Unsumme an Tantiemen aus meinen Buchverkäufen zusammengetragen haben. Es reicht, wenn er mir fürs Erste hundert Dukaten sendet. Geld öffnet die Herzen, wie Tantchen immer sagt.


Während Arlekin unsere gesamte Reisegruppe in der Nacht mit seinen Albträumen belästigte - er schrie, stöhnte und redete in Zungen - fasste ich einen Plan. Da ich am folgenden Tage ohnehin die gute Dame Dardane Brusik aufsuchen wollte, schlug ich ihr bei unserem späteren Besuche vor, sie zu den Festlichkeiten des Turniers zu begleiten. Einen Mann meines Ranges an ihrer Seite wird sie über die Maßen schmücken und ich habe Gelegenheit mich nach der gesuchten Brosche umzusehen, die nur in diesen Kreisen zu finden sein kann. Sie sagte begeistert zu.
Der Morgen war zuvor gewohnt miesePePig verlaufen. Die schlechte Laune des Mooswiesels scheint auf mich abzufärben. Doch nach einem hervorragenden Essen hatte die Sonne in unseren Herzen geschienen und wir uns in alle Winde verstreut. Arlekin hatte den Grillmeister Sagittarius aufgesucht und einen Apotheker, bei dem ich ihm noch im Handel hatte beistehen müssen. Ich hatte einen unfassbar guten Preis für seine Dämonenasche herausgeschlagen und selbstredend einen angemessenen Anteil daran erhalten. Orasilas hatte getan, was er immer tut:

Ob es regnet oder schneit, der Praetor ist bereit,
zu schwingen was die Arme tragen, immerzu ein Tänzchen wagen,
Rondra hier und Rondra dort, nur sein Rondrakamm ist fort.
Ich riete ihm, würd' er mich fragen, die Gebete zu vertagen,
stattdessen – und er weiß es wohl, zu fröhnen mehr dem Alkohol.

Ich hatte die unverhoffte Ruhe genutzt, um an meinem Roman zu schreiben – und dieses kurze Nichts eines Schelmenreims auf Orasilas zu verfassen. Nun, dann war es also zur Dame Brusik gegangen und besagte Vereinbarung zwischen ihr und mir wurde getroffen. Überdies besaß sie ein Exemplar der "Nostrischen Kriegsposaune" und ich brachte in Erfahrung, dass es noch einen weiteren weißen Ritter auf dem Turnier geben wird, mit dem Orasilas sich im Tanze messen muss. Und über den schwarzen Ritter, der uns vor dem Zelt des Marschalls begegnet war, wusste das Schandblatt zu berichten, er habe angeblich Katzen die Köpfe abgebissen, mit einem Haps. Ich glaube das zwar nicht, wohl aber die ortsansässigen Katzenhexen. Nun, ihnen kann ich das nicht verdenken. Das Turnier wartet auf uns. Ich sehe dem guter Dinge und voller Vorfreude entgegen. Endlich ein Publico, das meiner würdig ist, wenn nicht geistig, so wird es doch eine große Schar sein, die mir zujubelt. Vielleicht auch Orasilas, wenn er sich geschickt anstellt und nicht nur tanzt, sondern kämpft. Ich wünsche ihm, mit allen Körperteilen am rechten Fleck die Arena zu verlassen... und auf eigenen Beinen. Ich glaube an meinen Freund aus Kindertagen. So sehr, dass ich einhundert Silbertaler auf seinen Sieg gewettet habe. Niemand hier weiß, wer er ist. Die Quote für ihn steht Eins zu Fünfzig, so wenig traut man ihm als unbekanntem weißen Ritter zu. Doch ich habe auf ihn gesetzt und auch Arlekin drängte sich mir auf, eine Wette für ihn zu platzieren. Trotz unser oft widerstrebenden Temperamente stehen wir doch am Ende füreinander ein.

Arlekin wird morgen des weißen Ritters Knappen mimen. Wir befestigen ein Banner an seinem Magierstab. Er war nicht davon abzubringen den Stock irgendwo abzulegen oder irgendwem anzuvertrauen. Ich werde der Herold sein, der die Herzen des gemeinen Volkes und des adeligen Pöbels zum Glühen bringt. Tag, ziehe nur herauf, Lysander ist bereit, in die Geschichte Nostrias einzugehen, erneut!

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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