"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 21

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Welch ein Tag, meine Freunde, welch ein Spektakulum! Gleich am Morgen wurden wir von Posaunen und Fanfaren geweckt und meine Viellichkeit von einer Eskorte zum Turnierplatz geleitet. Dafür sandte mir der Edelgraf Albio eigens seine private Kutsche. So altbacken und doch leicht muffig ihr Inneres war, so possierlich ist ihr frischer Anstrich. Nicht ganz meiner würdig, aber besseres hat der Graf wohl nicht zu bieten. Ich bin froh, dass er offenbar nicht wusste, wen seine Kutsche beförderte, denn schließlich sehen wir in ihm den Kopf der Verschwörung gegen uns. Dennoch musste ich das großzügige Angebot annehmen, nicht zuletzt um meine Initialen in die Kutschwand zu ritzen. Nun fährt der Graf auf ewig mit mir an seiner Seite umher – ein schöner Schelmenstreich.
In einer zweiten Kutsche fuhren edle Gönner der Turnierpreise: Unsere geschätzte Dame Dardane Brusik, Arlekins Erzfeind und Dieb von Orasilas' Rondrakamm, der Zwerg Arborn, sowie ein unwichtiger Gutsbesitzer. Meine werten Freunde mussten ihr Frühstück mit dem gewöhnlichen Volk im Dicken Walfisch einnehmen, doch wir hatten uns auf dem Turnierplatze verabredet.


Auch der Graf selbst erschien am Platze, nachdem Orasilas und Arlekin sich ebenfalls eingefunden hatten. Er hielt eine Rede, die besser aus meiner Feder gestammt hätte, aber sei es drum. Ein Adelstitel sagt nichts über den Geist seines Trägers aus.
Nach der einschläfernden Rede priesen die Herolde ihre Ritter an. Müßig zu sagen, dass auch hier keine Genies die Worte schliffen. So blieb es an mir allein zu glänzen und dem Publico zu zeigen, was eine mitreißende Ankündigung eines echten Ritters ist. Keiner, der nicht von meiner Rede mitgerissen unserem weißen Ritter von Nostria zujubelte.
Alsbald bestritt Orasilas seinen ersten Kampf, den er mit Glück gewann. Auch wenn sein Sturmtanz heute nicht der beste war, so zerschlug sein Gegner doch Schwert um Schwert auf seinem Rücken, was ihm den Sieg bescherte. Hauptsache, er gewann. Ich hoffte auf einen würdigeren zweiten Kampf, auch um meiner vollmundigen Herolds-Rede mehr Bestätigung
zu verleihen. Ein Zwerg, der die Kämpfe kommentierte, war als einziger guter Sprache fähig und so genoss ich es, die Kämpfe gemeinsam mit ihm wortreich zu untermalen.
Dazwischen mischte ich mich unter das adelige Volk auf der Tribüne bei der Dame Brusik, die nicht umhin konnte, mich all ihren Freundinnen vorzustellen. Natürlich nutzte ich jede Gelegenheit, mich nach der Schneebrosche für Tante Awanda umzusehen, doch blieben meine Mühen unbelohnt. Ich freue mich jedoch, dass meine Werke auch hier über die Maßen beliebt sind und mein Name kein unbekannter ist. Wenigstens konnte ich Cordovan von Schnauzbüttel ausfindig machen. Ein kleiner Trost, denn wir sollten die Augen für Bolle nach ihm offenhalten.


Arlekin verschwand unterdessen im Gemenge und tauchte erst wieder auf, als ein Tumult über den Platz rollte. Unter Feuer und Rauch war eine Bude in Flammen aufgegangen und ein Mensch hineingestürzt – Sagittarius, wie sich herausstellte. Vermutlich war es zum Streit zwischen den Magiern gekommen. Wachen mischten sich ein, doch Arlekin überzeugte die höherrangige Wachfrau geschickt von seiner Unschuld. Dabei lag auf der Hand, dass Sagittarius sich kaum selbst entzündet hatte. Unser Magier scheint neuerdings in anderen Sphären zu schweben. Er wirkt oft unkonzentriert. Ich hoffe nur, er ist im rechten Moment Herr all seiner Sinne. Ich werde wie immer ein Auge auf ihn haben.


Orasilas gewann unter dem Bersten weiterer Turnierschwerter auch den Kampf gegen den anderen weißen Ritter, der allerdings deutlich kleiner als der Praetor war. Bravo!
Schließlich suchten wir unseren Lieblings-Pisspagen Bolle bei den Ritterzelten auf und freimütig warf ich ihm sogleich ein Silberstück für seine Dienste zu. Durch Bolles Ungeschick landete die Münze jedoch in seinem Eimer und er verweigerte mir trotz meines guten Willens tatsächlich seine Dienste. Nur mit Glück wird er in seiner Rolle nicht auffliegen und 
uns alle ins Unglück stürzen. Ich schätze, ich habe dem Altvater bei unserer Rückkehr nichts Gutes über seinen Diener zu berichten.

Mein geschultes Auge entdeckte schließlich eine Schreiberin der Nostrischen Kriegsposaune. Ich unterhielt mich mit ihr über den schwarzen Ritter, dem Orasilas im Halbfinale gegenübertreten würde. Nach Bitten und Betteln ihrerseits versicherte ich ihr, ein Gespräch für ihr Blatt mit mir führen zu dürfen, im Austausch gegen Wissenswertes über den schrecklichen Kontrahenten. Der Ritter sei ein aufbrausender Hitzkopf und dieses Wissen trug ich alsbald Orasilas zu, der sich freute, etwas gegen den schwarzen Ritter in der Hinterhand zu haben. Dennoch weigerte er sich rundheraus, den Gegner zum eigenen Vorteil in Rage zu bringen, weil die unehrenhaft sei. Recht hatte er! Doch Arlekin machte es sich trotzdem zum Spaß, den Ritter im Kampfe unentwegt mit Beleidigungen schlimmster Art zu überziehen. Wieder barst Schwert um Schwert an Orasilas' starker Brust und er wird am morgigen Tage im Finale stehen.
Arlekin verließ das Turnier Arm in Arm mit Katharinia und auch bis spät in die Nacht ist er nicht in unserer Unterkunft aufgetaucht. Vermutlich hat er es endlich geschafft die Dame entgültig zu bezirzen. Als versierter Liebhaber würde ich ihm raten doch auf dem Weg noch ein paar Rosen zu kaufen, aber vermutlich ist sein Verstand schon längst in seine Hose gerutscht und selbst wenn ihm ein Rosenverkäufer begegnen sollte, wird er ihn wohl fortjagen. So rufe ich ihm nur zu:

Gute Nacht, Magier, es wird Zeit für dich zu geh'n,
wenn er doch etwas Anstand hätte,
raucht' er eine Zigarette,
und ließ' sie vor der Türe steh'n!

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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