"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 22

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Ich hielt Orasilas für einen verbohrten, rondrafürchtigen Kauz, unbelehrbar für jegliches Neue. Doch heute hat er mich wahrlich überrascht. Meine unauffällig eingestreuten Lehren tragen ihre ersten Früchte: Orasilas widmet sich den ersten Anhängern seiner Größe! Eine Dame bat ihn nach seinem letzten Kampfe um ein Abbild in einer kleinen Glaskugel – ein gering-magisches Artefakt, dass sein Antlitz und das der holden Maid in sich aufnahm.
Betrachtet einer die Kugel nun, so sieht er in ihrem Innern das schöne Lächeln der Dame und den verkniffenen, leicht schiefen Mund des Praetors, der mit dem beginnenden Ruhm noch fremdelt. Ich versichere dir, mein Freund, ich werde dich noch viele Lektionen auf deinem Weg zum wahren Helden lehren!


Derweil beglückte ich meine Gefolgschaft mit schwungvollen Würfen meiner Autogrammkarten aus dem Handgelenk – ein fernes, aber nicht unerreichbares Ziel für Orasilas, wenn er sich wirklich anstrengt. Als unauffälligen Dank für seine ersten Gehversuche als Publikumsliebling versprach ich ihm im Überschwang, eine Maske für das Wahren seiner geheimen Identität zu nähen. Doch schon auf dem Weg zum Dicken Walfisch, beging er sogleich wieder einen typischen Orasilas, als wären alle meine Lehren doch sang- und klanglos an seinen geweihten Ohren abgeprallt:

Er folgte einem unerklärlichen Schluchzen, das von irgendwo an sein Ohr drang. Ich kenne diesen Ton genau und ja, ich durchschaute das Schauspiel unmittelbar, noch ehe wir des armen Geschöpfes ansichtig wurden. Denn Orasilas stiefelte pflichtbewusst auf direktem Wege auf das Geräusch zu – entgegen meiner ausdrücklichen Warnung!


Nun, das Wesen tarnte sich als eine Dame, die ins Unglück gestürzt wurde, durch keinen Geringeren als Orasilas selbst! Natürlich, oh sie sind so clever. Er hätte ihren Liebsten, den anderen weißen Ritter, im Kampfe geschlagen und nun wäre ihnen die Heirat verwehrt, es koste sie nichts Geringeres als die "Liebe". Ich wollte den Schabernack schnell beenden und den ahnungslosen Praetor vor dem Netz der Lügen bewahren, aber ach, er stürzt sich schlicht zu gern hinein! Ich sagte ihm auf den Kopf zu, diese Gestalt sei mitnichten eine arme Dame, sondern vermutlich ein Kobold in veränderter Gestalt oder ein ähnliches Wesen von zweifelhaftem Ruf, doch er hörte nicht.

Der Praetor versprach der vermeintlichen Dame, den Kampf erneut auszufechten und die Götter ihr Urteil entweder bekräftigen zu lassen oder zu widerrufen. Und all das, während wir die größte Verschwörung in der Geschichte dieses Landes aufzudecken versuchten. Großartige Idee! Er wird sich also morgen Mittag zu diesem hirnverbrannten Duell treffen, gehörig verdroschen werden und zur Strafe den Rest seines Lebens Frondienste für diesen Kobold verrichten müssen, der ihn sicher mit einer Hexerei belegen wird. Ich werde ihn wohl auch davor bewahren müssen. Die Wege dieses Geweihten sind wahrlich nicht leicht. Mit meiner Bauchrednerkunst schalt ich ihn mit der Stimme Rondras, auf dass er sich nicht mehr leichtfertig in solche unnötigen Hände stürze. Zumindest stand ihm Verwirrung ins Antlitz geschrieben, als er Rondras Worte vernommen hatte. Das zumindest erheiterte mich.

Wir frühstückten am nächsten Tage einen dicken Walfsch. Haha, ja, auch mir sei einmal eine belustigende Bemerkung erlaubt. Es ist anstregend, der Wahrheit verpichtet zu sein. Zuweilen ist sie sehr spröde.

Bei unserem Mahl überreichte ein Bote Orasilas einen Brief, dem etwas beigelegt war:

Ein schlichter Anhänger an einer Kette. Nichts besonderes, ohne erkennbaren Wert, schmucklos. Ich erwähne es überhaupt nur, weil Orasilas ja sonst nie von Boten aufgesucht wird. Mein Amulett und meine Kamee von Awanda sind erstens viel schöner und zweitens von wirklichem Wert. Also erstere kann die geistig Schwachen beeinflussen und zweitere ist aus echtem, schwarzen Onyx. Außerdem sind sie auch viel größer, und eben schöner, und haben Bedeutung und eine Funktion. Aber das ist ja nicht wichtig. Mir jedenfalls nicht. Schon alleine mein geschnitztes Amulett von Urfalion ist bestimmt doppelt so groß wie das schmucklose Ding von Orasilas. Ist mir natürlich egal. Sonst würde ich das erwähnen, da wäre ich ehrlich.


Arlekin hat sich den ganzen Morgen nicht blicken lassen. Kann vermutlich nicht mehr laufen.
 

Meins ist größer! Beide!

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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