"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 23

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Die letzten Zweifler mussten geschlagen vom Platze ziehen, so geschlagen wie Geron von Burkherdall. Trotz Gerons Anrufung unlauterer Mächte, ich möchte sogar sagen finsterer Magie, schlug der weiße Ritter von Nostria, bekannter als der Praeminator, ihn zu Boden und entschied auch den finalen Kampf des Turniers um den mächtigen Rondrakamm für sich. Der Sieg und sein Schwert waren endlich wieder sein.
Ihr erinnert euch an meine Wette auf Orasilas? Die Quote betrug fünf zu eins. In ganz Salza war ich der Einzige, der auf seinen Sieg gesetzt hatte. Das Waisenhaus freute sich entsprechend darüber, dass ich meinen gesamten Gewinn spendete: Fünf Dukaten.

Solche Selbstverständlichkeiten sind mir jedoch nicht erwähnenswert.


Später am Tage verrichtete Orasilas seinen freiwilligen Zweikampf gegen das Koboldswesen. Ich konnte das nicht mit ansehen. In meiner Kindheit habe ich mehr als einmal gesehen, wie grausam Kobolde ihre verborgenen, magischen Kräfte einzusetzen vermögen. Es galt, die Wettschulden bei Sargon Falkenauge einzutreiben, bevor Orasilas' (Ruhm) in Stücke fiel.
Nebenbei besorgte ich auf vollkommen legalem Wege von einer Wache, die der Schwerter zuviele besaß, ein überzähliges Florett, um es Katharinia in einer Seitengasse neben der Schmiede zu übergeben. Ihre Wangen schienen heute besonders zu glühen und als ich Arlekins Namen erwähnte, färbten sie sich gar puterrot. Hat die Welt bald einen weiteren Adeptus Minimus zu erwarten?


Während ich Katharinia PePes Fortschritte im Laden meiner Unterarmbrust demonstrierte, erschien Knöperkalle. Ein Bolzen steckte in seiner Hutkrempe. PePe schnappte ihn sich geschwind und lud die Armbrust. Ich machte mir eine geistige Notiz, den Affen die Armbrust künftig nur laden und nicht mehr betätigen zu lassen.
Ich vergewisserte mich mit einem tiefschürfenden Blick in Knöperkalles Augen seiner Loyalität – dass er das Florett auch wirklich in der Küche des Fürstenpalastes hinterlege, wie wir es mit Katharinia ausgemacht hatten.


Wie erwartet unterlag Orasilas unterdessen im Koboldkampf und wurde mit Schimpf und Schande aus dem Turnierkreis geschrien – er hatte Glück, dass das Wesen ihm keine Warzen angehext hat oder sowas. Ich habe das schon gesehen. Mir ist bewusst, dass das gewöhnliche Volk im Glauben lebt, Kobolde seien zu so etwas nicht fähig, sie könnten allenfalls Töpfe voll Gold am Ende eines Regenbogens hüten, doch sie irren sich. Eine umfangreiche Verschleierungskampagne ist hier im Gange, um diesen Glauben aufrecht zu erhalten. Allerdings hatte Orasilas kaum den Ring verlassen, als auch schon berauschender Jubel gegen ihn brandete. Vergessen die Niederlage gegen den Kobold. Einige glaubten sogar, er habe absichtlich verloren, um dem Paar der Liebenden die Einfahrt in den Hafen der Ehe zu ermöglichen – dabei sollte jeder Wissen, dass er als Praetor niemandem Leid zufügen würde.

Auf der Tribüne stand Graf Albio und winkte Orasilas' Rondrakamm, sein Schwert der Schwerter, welches mit ihm verbunden, welches ihm erst zu einem wahren Manne macht! Ich schwöre hier und heute feierlich, dass ein goldener Blitz vom Himmel auf ihn herab und in die Klinge seines Schwertes fuhr, als er es empor reckte. Die Menge raunte voller Bewunderung. Einen größeren Krieger hatten sie nie zuvor gesehen. Selbst Geron von Burkherdall kniete sich vor ihn und bat ihn um Unterweisung. Ein großer Tag, der Orasilas den Beinamen "Weißer Ritter mit der Schulter aus Stahl" einbrachte.


Durch das Publikum schlich derweil der Zwerg Arborn, er, der den mächtigen Rondrakamm erst gestohlen und dann als Trophäe gestiftet hatte, der den offenkundigen Zorn Arlekins auf sich zieht, wie Motten das Licht. Es passierte Arlekin, der meinen scharfen Augen in der Masse der Leiber nicht verborgen blieb. Ein dämonisches Wesen erschien in des Zauberers Hand und er deutete auf den Zwerg, der gerade an ihnen vorbei marschiert war. Bei meiner Ehr' – der Dämonling sprang aus der Hand Arlekins, von Kopf zu Kopf über die Zuschauer, die nichts davon bemerkten und stürzte sich in den Hinterkopf des Feindes, wo er verschwand. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Ich bin gespannt, welche Bewandtnis dieses Zauberwerk noch haben mag. Es scheint mir, die Fehde zwischen unserem Begleiter und dem Zwerg ist so ernst, wie sie nur sein kann.


Noch zu erwähnen ist: Ein Herr aus dem Publico mit besonders trefflichem Kunstgeschmack. Er erkannte mich in der Menge, während ich noch Arborn nachblickte und schenkte mir ein paar weißer, feinster Lederhandschuhe, wenigstens im Werte von fünfzig Dukaten. Filigran gearbeitet, schön punziert und verarbeitet – königlich, meiner angemessen. Meinen Dank erneut an euch, edler Kenner, ich trage euer Geschenk bei jeder Gelegenheit. Dardanes Kleider für das Festmahl, eine gute Tuchrüstung, verblasste dagegen doch sehr. Doch ist mir diese tausendmal lieber als meine eigene Kleidung, die inzwischen zu Lumpen verkommen ist.

 

Nun geht es endlich daran, etwas gegen Albio in die Finger zu bekommen. Ich werde ihn auf dem Fest nicht aus den Augen lassen und etwas finden, dass ihn in die Enge treibt. Zu gespannt bin ich auf seine Beweggründe, mich an den Galgen zu bringen. Ich vermute, ich habe mit einem meiner Schmähgedichte, die ich eine Zeitlang in der Nostrischen Kriegsposaune veröffentlichte, einen Nerv bei ihm getroffen.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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