"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 24

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Viel zu lange musste ich auf eine Gesellschaft warten, die meinem Geiste würdig ist. Und nach allem, was ich heute erlebt habe, werde ich auch weiter warten müssen. Wer glaubt, ein Haufen vornehmer Adeliger bedeute aus sich heraus geistige Gewandtheit und Anstand, verwerfe diese Gedanken sogleich.


Noch bevor wir das Entrée erreicht hatten – ich als Gast Dardanes, Orasilas als Sieger des Turniers und Arlekin als... nun ja, Mann und äh... Mensch... - erdreistete eine hässliche Alte sich, unser Gespräch zu überhören. Eine solche Dreistigkeit erlaube ich allenfalls mir, nicht jedoch einer daherglaufenen, baronessischen Adelspopanze! Natürlich rege ich mich nicht darüber auf, aber erwähnen muss ich es doch, um den Adel – jene unter ihnen, die noch nicht in der Gosse des guten Benimms liegen – vor diesem Absturz zu warnen.

"In der Warteschlange" / Copyright by Tanja Waack

Erdreistete sich diese Person in der Schlange vor uns tatsächlich, mich mit dem Wortverdreher Pizzarro Lente aus dem lieblichen Felde zu vergleichen! Als hätte diese Kanaille jemals auch nur einen fehlerfreien Satz auf's Pergament geschmiert. Ein Theater soll er leiten, in dem er meine Stücke inszeniert! Das ich nicht lache! Pizzarro Lente – ich spucke auf dein Grab, wenn Boron dich endlich geholt haben wird! Deine Machwerke wird niemals jemand mehr in einem Atemzug mit mir nennen, so wahr ich Lysander Federkiel heiße!

Wo war ich? Ach ja, Cathrinka di Haidaran... Cathrinka... also ehrlich, wer heißt denn so? Aber irgendwie kam mir die Dame auch vertraut vor. Beim besten Willen weiß ich nicht woher. Mit derlei Gesocks verkehre ich nicht.

"Cathrinka Du Haidaran" / Copyright by FeyTiane

Meine innere und äußere Gelassenheit strahlte leider nicht bis auf Orasilas ab. Er schwitzte, nachdem diese Baroness Arlekin angemeckert hatte, weil er ihrer Ansicht nach zu laut sprach. Aus seiner Rondra-gegebenen Nervosität heraus erzählte er nach seinem Ausfall bei Dardane Brusik hier der zweiten völlig Fremden unsere ganze Geschichte, seitdem wir dem Galgen in Nostria entkommen waren - haarklein, er ließ nichts aus. Wieso beim Namenlosen haben weder Arlekin, noch ich ihm eine Salzarele quer in den Mund gestopft, um ihn zum Schweigen zu bringen? Zu unserer Entschuldigung: Wir waren durch die wesentliche Frage abgelenkt, wie wir Arlekin in den Palast schmuggeln sollten, da er keine Einladung hatte. Ich drängte schließlich Dardane, eine ihrer zahlreichen Freundinnen um ihr Erscheinen zu bitten, um dem Magier Geleit anzubieten. So geschah es. Die schönste Maid am Orte, Valentina von Guterian, gebildet und eloquent in der Sprache machte ihm alsbald ihre Aufwartung und begeisterte ihn mit Geschichten aus der Adelswelt. Aus unerfindlichem Grunde setzte Arlekin dennoch seinen finstersten Blick auf, den ganzen Abend über.


Nachdem ich vom Gastgeber aus heiterem Himmel zu einer kurzfristigen Lesung aus "Zwei Hände am Rondrakamm" gedrängt wurde und diese unter tosendem Beifall vollendete, veranlasste ich Speis und Trank für mich und die Dame Brusik. Ich nutzte die Gelegenheit meines Vortrags, ungehindert die Wachvorrichtungen auszuspähen. Sie waren reichlich an der Zahl, doch es schien mir nicht aussichtslos, einen Weg in die hinteren Räumlichkeiten, den Dienstbotentrakt oder zu Albios Gemächern zu gelangen.


Hier war ich in meinem Element. Alles, was Tantchen Awanda mir beigebracht hatte, würde hier zum Einsatz kommen. Es wäre doch gelacht, wenn wir nichts fänden, das uns den Grafen gefügig machen würde.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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