"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 25

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Meine Bewunderer erschwerten mir eine Weile das Durchkommen und zum wiederholten Male in meinem Dasein als Liebling des Publico gingen mir meine vorgefertigten Signierkärtchen aus. Ich werde meine Produktion erhöhen. Dabei kann ich nicht unerwähnt lassen, dass adeliges Volk seine Gier auch hier nicht im Griff hat – mehrfach wurde ich um ein zweites Signé gebeten, was ich natürlich rundheraus ablehne, weil ich dem Adel keinerlei Vorzug oder Gefälligkeiten vor meinen anderen Bewunderern zuteil werden lasse, niemals! Als mich Graf Albio auf die Bühne rief, prostete ich ihm mit einem schönen Rotwein zu, wirklich ein vorzüglicher Tropfen. Jeder sollte "Albios Altvorderen" in seinem Keller haben – aber nur den Trockenen! Ich nutzte die Gelegenheit, den Grafen wie auch die anderen Anwesenden ausgiebig zu mustern. Der Stadtvogt gab sich die Ehre, Cordovan von Schnauzbüttel, Arlekins Erzfeind Arborn, die Frau Fiandra von Ingvalsrohden, ihr weißer Ritter und Niando Groterian, der seinen Hof als Preis für die Turney hatte spenden müssen. Sein äußerst betrübter Blick sprach Bände. Schließlich ergriff Graf Albio das Wort und rief die Anwesenden Herren zum Kriege gegen das verhasste Andergast auf. Ich finde diese Ränke mehr als unnötig und bin gegen jedwede Art der Auseinandersetzung zuhülfs spitzen Metalls. Ich ziehe jederzeit ein Wortgefecht vor. Ein kluger Geist über einen starken Arm, das ist wahre Größe!


Orasilas setzte sich in diesem Moment vollen Schwunges in die Nesseln. Er erteilte dem Grafen eine schmetternde Absage auf sein Ansinnen. Der Sieger einer Unterdisziplin der Turney wolle sich selbst erst ein Bild über die Gefahr des Krieges machen, bevor er sich einer offenen Schlacht anschlösse. Die Schandrufe dürften ihm bis jetzt in seinen Ohren klingeln. Vergeblich suchte er die Stimmung des Volkes durch ein Tanz- und Singspiel zu heben. Nein, dies war kein guter Tag für diesen starken Mann.

Ich widmete mich derweil der undurchsichtigen und widergarstigen Baronesse. Meine Erinnerung regte sich und brachte mich auf eine Spur, die sich bewahrheitete: Cathrinka Di Haidaran ist eine entfernte Cousine meinerseits aus dem Horasreich. Jahrzehnte liegt unser letztes Zusammentreffen zurück. Tante Awanda hatte mir in ihrem Brief einen Wink gegeben. Die Baronesse wird die Schneebrosche mitnehmen, sobald ich sie an mich gebracht haben werde. Während ich Cathrinka eine Weile aus der Ferne im Gemenge der Gäste beobachtet hatte, schnappte ich durch Lippenlesen einige Gerüchte auf. Und etwas ließ mich nicht mehr los. Es war von einem "Patriotischen Bund" die Rede. Ohne Umschweife schnappte ich mir Niando Groterian und quetschte ihn höflich aus. Dadurch gelangte ich auf die Spur des Großmeisters, der laut Orasilas' und Arlekins Traum die Prinzessin vertauscht und ein Baby getötet hat: Galemos, von der lowangischen Akademie.

"Grafenresidenz" / Copyright by FeyTiane

Bei der Erwähnung von Lowangen fiel mir auf, dass unser werter Adeptus seit geraumer Zeit verschwunden war. Mit seinem Erzfeind Arborn im Haus war das kein gutes Omen. Ich beschloss auf die Suche nach ihm zu gehen – nicht, dass es zu einer unschönen Begebenheit komme, die uns alle in Gefahr brächte. Ja, ich traue Arlekin fast alles zu. Ich muss ihn finden.

"Arlekin mit Dämonling" / Copyright by Tanja Waack

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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