"DAS KOMPENDIUM" – KAPITEL 26

REISEN UND LEBEN DES LYSANDER FEDERKIEL

Die Ereignisse überschlugen sich im Fürstenpalast. Während meiner Suche nach Arlekin begegnete ich Cathrinka, die sich vor dem Zimmer des Grafen Albio platziert hatte – natürlich unauffällig. Sie hat ein Öhrchen für Lauschaktionen und überhörte ein Gespräch hinter der Tür zwischen Albio und seinen Mannen.


Derweil trat das Adelsvolk sich vor dem Pissraum gegenseitig auf die Füße. Aufgrund eines großen Malheurs, wie verkündet wurde, hatte man den Raum vorübergehend versiegelt. Ich nutzte die Gelegenheit, Piss-Märkchen an den Mann und die Frau zu bringen, die die Reihenfolge der Erleichterung festlegen sollten. Nur ein Silber für den guten Zweck und als zusätzliche Spende an das Waisenhaus in Fiolbar natürlich. Keine persönliche Bereicherung meinerseits! Die Spende sollte zusammen mit den fünfzig Dukaten Brealethas von Hüttenau übergeben werden. Allerdings krallte PePe sich den Klingelbeutel und trug ihn an einen unbekannten Ort.

"Graf Albio hatte seinen Sohn beauftragt, den weißen Ritter zu vergiften, doch der nahm sich den falschen weißen Ritter vor", berichtete mir Cathrinka und ich trug die Botschaft unverzüglich Orasilas zu, der draußen nach dem Magier suchte. Der schoss nun wie ein Blitz davon, um den anderen weißen Ritter zu suchen und ließ mich geradezu im Regen stehen. Und das mit mir, dem größten Autor Avent... Sei's drum. Weg war er. Es wäre hilfreich zu wissen, was hinter der Tür Albios geschah. Mein Plan war, ihm durch einen Bediensteten Speis und Trank zukommen zu lassen, den natürlich ich mimen würde. Doch mein markantes Äußeres machte diesen Plan unmöglich – einfach niemand kann mich übersehen, wenn ich einen Raum betrete. Meine herzerwärmende Aura strahlt in jeden Winkel. So schlug ich Cathrinka vor, die Bürde auf sich zu nehmen, wozu sie sich nach einiger Überredungskunst auch bereit erklärte. Und sie spielte ihre Rolle in ihrem Gewand einer Magd wirklich trefflich, war so unscheinbar, wie es sein muss, um vom hohen Volk übersehen zu werden. Denn ihr müsst wissen: Ein Mensch von Adel sieht einem einfachen Diener nur notgedrungen ins Gesicht. Der Geruch von Erbrochenem waberte durch die Ritzen des Pisszimmers. Es war wohl wirklich widerlich dort drinnen.

Arlekin und Bolle tauchten schließlich auf, der Magier seltsam beleibt mit dickem Bauch und ohne seine Robe, stattdessen in der Kluft eines Bediensteten. Wutentbrannt schleuderte er das Wams von sich und fuhr eine Wache an, ihm anständige Kleider zu bringen. Es war ein seltsamer Moment, der mich wundern machte. Wo war Arlekins Robe? Er war aus dem Flur zur Küche gekommen, was natürlich nahe legte, dass ein Bediensteter ihm entweder etwas übergeschüttet hatte und es seinen Lebtag bereuen würde oder dass die Robe in der Küche Feuer gefangen hatte, weil der Adeptus zu nahe am Ofen vorbei gelaufen war. Nur, warum er überhaupt in die Küche gegangen war... es hatte sicherlich mit Arborn zu tun, denn in Arlekins Blick lag eine düstere Zufriedenheit, die ich nie zuvor gesehen. 

Cathrinka ließ sich in der Küche etwas Essen für den Grafen bereiten und machte sich damit auf zum Zimmer desselben. Unterdessen geriet ich mit Orasilas in ein kleineres Wortgefecht vor der Tür und wir bemerkten nicht, wie diese sich öffnete und Cathrinka hineinschlüpfte. Sofort hielten wir gespannt inne und warteten. Es dauerte nicht lange und sie kam zurück mit einer unmissverständlichen Botschaft: Graf Albio hatte vor mein Gesamtwerk für jedes Waisenhaus Nostrias zu erwerben und wollte mich zu einem Signier-Marathon laden. Er sei mein größter Bewunderer, hatte er den Herren verkündet und wünschte sich innig ein Treffen mit mir. Schon machte ich den ersten Schritt, dem Wunsch des offenbar doch wohlgeratenen Grafen zu erfüllen, als Cathrinka weitersprach, wir seien enttarnt und Orasilas und Arlekin nur die Bauernopfer in einem Spiel der Säuglingsmörderei, welches von Albio beauftragt wurde. Sein Sohn Olde hatte lediglich in der Ausführung versagt. Schweren Herzens ließ ich ab von meinem Aufritt und empfahl meinen Freunden, uns zurückzuziehen. Noch in derselben Nacht wollte Graf Albio das richtige Prinzessinnensäugling töten lassen. Wir mussten ihm zuvor kommen und es verhindern.

von Lysander Federkiel alias Florian Hoffmann

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